Das Geheimnis der Grie Sooß

Das Geheimnis der Grie Sooß

In einer echten Frankfurter Grüne Soße sind sieben Kräuter. Die wichtigste Zutat ist aber die Verkäuferin: Gisela Paul, die bekannteste Marktfrau der Stadt.

Wie lange sind Sie hier dabei auf dem Markt?

Ab der ersten Sekunde, als der Markt ins Leben gerufen wurde. Das war der 4. November 1999. Es war ein Donnerstag. Ich streifte hier nachts mit meinem Auto durchs Bahnhofsviertel. Es war aber noch nicht hier der weiße Wagen, sondern noch ein roter Renault Rapid anno 1704. Ich hatte damals zu dem Zeitpunkt noch keine Grüne Soße, sondern war mehr oder weniger Informationsstand für den hessischen Landesverband für Markthandel und Schausteller, der diesen Markt ins Leben gerufen hatte. Unter der Prämisse: Keiner wollte ihn, wir haben ihn trotzdem gekriegt. Die Ecke hier war ja früher – so wie sie es heute auch noch teilweise ist – ein Sorgenkind der Stadt Frankfurt. Damals zwecks Drogenabhängigkeit, heute sind es ja eher die Spritties, die vorne rumturnen. Es war also von Anfang an klar, dass es schwierig ist, diesen Markt ins Leben zu rufen. Da wurden Wetten drüber abgeschlossen! Wir schaffen es maximal drei Monate – so ungefähr. Der Landesverband hat sich da damals bereit erklärt und diesen Markt ins Leben gerufen. Wir haben dann hier angefangen mit 10 bis 20 Markthändlern, an diesem bewussten Donnerstag, einem November-Donnerstag. Es war stark verregnet und unterkühlt und dann standen wir hier im Kaisersack, sogar noch in Zweierreihen. Der erste Markttag war also der 4.11.1999. Im Kaisersack, als Kaisermarkt. Und ja, der Markt ist natürlich eingeschlagen wie ‘ne Bombe. Und hatte zur Folge, dass 2001 der zweite Markttag an einem Dienstag, den 13.3.2002, erstmals installiert wurde. Ebenfalls hier im Kaisersack, als Kaisermarkt. So entstanden also beide Märkte.

Wie setzt sich denn die Zielgruppe zusammen?

Der Markt ist sehr stark angenommen von der Bevölkerung, Anliegern, Anwohnern und solchen, die hier ihr Geld verdienen, wie beispielsweise in Banken, freischaffende Künstler, Architekten. Da ist echt alles dabei, alles. Hier läuft der interessanteste Mischmasch von ganz Frankfurt durch diese Straße. Das Interessante ist hier, dass du nachts und morgens um 5 Uhr die letzten Mitternachts-Milieu-Geschäfte erlebst: die ersten Prostituierten, die nach getaner Arbeit zum Kaffee gehen, die Rumänenmafia, die Geschäfte abwickelt… .

Bekommen Sie das alles an einem Markttag mit?

Nein, so direkt nicht, aber wir wissen das alles von den Anliegern, die hier wohnen. Der Markt selbst geht regulär erst um 9 Uhr morgens los. Ab 6.30 Uhr muss aber hier die Fläche gesperrt werden, damit der Aufbau möglich ist. Ab dann ist es auch erlaubt falsch parkende Autos abzuschleppen. Der Bäcker zum Beispiel ist schon früher da. Das ist ja auch sein Kerngeschäft, morgens. Bei mir geht’s dann so um 12 Uhr los, das Mittagsgeschäft. Abends geht’s dann hier so bis 19 Uhr. Um 19:30 Uhr spätestens sind die Straßen dann wieder absolut leer.

Wann ist hier bei Ihnen am meisten los?

Rushhour ist hier tagsüber von etwa 11:30 Uhr bis 14 Uhr.

Wie meistern Sie das? Wie groß ist ihr Team?

Ich habe zwei Auszubildende und einen Power-Partner, der hilft mir gerade etwas.

War es schon immer Ihre Idee, Grüne Soße zu verkaufen? Mit einem Grüne-Soße-Mobil?

Nee, nee, dazu bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kind! Aus dem einfachen Grund, dass ich in dem Bereich ein kosmischer Irrläufer bin. Ich bin von Beruf gelernte Bürokauffrau – die erste eingetragene in Frankfurt an der IHK. Im April 1965 habe ich ausgelernt und 1962 begann ich meine Lehre. Bin dann später zur Dresdner Bank, hab da noch zur Bankkauffrau avanciert. Das geht heute gar nicht mehr, aber so war es. Ist ja eingetragen und beweisbar. Hab Musik studiert, hab dann noch meine Opernreife in Kassel gemacht, hab zwischendrin meinen Sohn gekriegt und geheiratet.

Wie kam denn dann die Grüne Soße in ihr Leben?

Die kam durch ´nen ganz großen Zufall in mein Leben. Ich hatte über das ZDF einen Dreh in Italien und zwar als eine der zwölf besten Propagandisten in Deutschland. Ich wurde aufgefordert, mit nach Italien zu fahren, und sollte dort damals meine Edelsteine vorstellen und ‘nen Vortrag drüber halten. Das war ne ganz tolle Reise. Das war am 13.9.2001. Das war ja zu der schlimmen Zeit, da standen alle unter Schock, dann war auch noch ganz schlechtes Wetter. Also es war wirklich nicht einfach. Vor Ort sagte man mir, es fehle heute noch was Besonderes, ein Live-Act – ein ganz großer Hänger. Dann sollte ich da plötzlich singen. Das wollte ich aber nicht in Italien, oh je, wirklich net. Also wenn, dann sing ich bei uns auf´m Wochenmarkt, auf der Kaiserstraß’. Also hab ich in Deutschland angerufen und gesagt: Hört mal zu Jungs, ich bin in fünf Tagen wieder da – ich brauch’ Melodie, Text mach ich mir selber oder ihr macht einen dazu. Als ich dann zu Hause ankam war das erste „Grüne-Soße-Lied“ geboren! Mit der Melodie dazu, das haben wir schnell aufgenommen. Zu der Zeit habe ich noch gar keine Grüne Soße verkauft. Dann fing das erst an… Da hab ich die Grüne Soße so richtig als Schirmgeschäft hier gemacht. So ganz haudegenmäßig – also Schirm und ´nen Tisch, oben in der Wohnung hab ich ein paar Eimer Grüne Soß’ gemacht und Kartoffeln und dann jedes Mal zum Markt mit runter gebracht. Die war dann immer hoffnungslos um 12:30 Uhr ausverkauft. Dann habe ich den Rest des Tages hier rumgetollt und das Maskottchen gespielt. 2003 haben wir dann angefangen, die Straßenfeste zu etablieren. Das ist jetzt dieses Jahr auch schon das siebte Straßenfest hier, das hätte auch vorher keiner geglaubt: dass es hier in der Kaiserstraße ein Fest geben wird, was sich so lange trägt. Wir hatten auch 33 Tage hier auf der Kaiserstraße ein Event während der Fußball-Weltmeisterschaft, wo jeder vorher gesagt hat: „Bist du wahnsinnig, das geht doch nicht, denk doch mal an die Sicherheit...“ Aber ich habe mich durchgesetzt bei allen und wir hatten 33 Tage keinen einzigen Zwischenfall und haben es geschafft, das längste Fest zu feiern. Das längste Fest der Stadt Frankfurt ging bis dahin nur 28 Tage.

Seit wann gibt es denn das Grüne-Soße-Mobil, so wie es jetzt hier steht?

Das Auto gibt es seit dem Februar 2002, ganz genau. Ich bin auch immer mit dem Auto hier. Ich hatte schon von Anfang an eine Vorstellung, wie das Auto genau sein soll und wie es aussehen soll. Mein Sohn hat es mir gesucht und ist hunderte von Kilometern gefahren um das Richtige zu finden. Irgendwann rief er mich an und sagte: „Ich hol dich ab und fahr dich jetzt zu deinem Auto!“ Da stand es dann, unbeschriftet. Damals war auch die Klappe noch nicht dran und auf dem ganzen Dach lag Schnee, das war in diesem ganz kalten Winter. Da habe ich ihn angeschaut und nur gesagt: „Ja, den Wagen will ich!“ Dann haben wir ihn gekauft, es wurde die Klappe und die Küche eingebaut und deshalb ist es jetzt auch ein absolutes Kult-Fahrzeug. Das gibt es nur einmal so.

Und ab dann haben Sie dort im Mobil die Grüne Soße verkauft?

Ja, genau. Dann habe ich überlegt was ich anbiete und verkaufe, aber das muss ja was Frankfurterisches sein. Etwas kulturbehaftetes. Dann dachte ich mir, so Handkäs’ mit Musik, das ist ja nichts echt Frankfurterisches, eher aus dem Mainzer Raum. Oder Rippsche mit Kraut, aber das ist ja hessisch. Was hat denn Frankfurt wirklich? Ei, die gute Grie Sooß! Und dann habe ich aus’m Bauch raus entschieden: „Grie Sooß mache ich!“ Mein Sohn hat auch gleich gesagt, das passt gut, das könnte er sich gut vorstellen, ich sollte eh mal aufhören mit der Rumflipperei und soll mich etwas verwurzeln. Jetzt haben wir uns auch etwas ausgeweitet mit den Suppen, gerade für den Winter.

Gibt es für Sie Konkurrenz?

Nein. Nein, es gibt für mich eh keine Konkurrenz. Weil ich eine echte Frankfurterin bin, das gibt es so kaum noch. So richtig echte Frankfurter, wo man sagen kann, das ist ein echtes Frankfurter Mädsche, aus einer Frankfurter Familie, eine Frankfurter Dynastie – das kann ich alles nachweisen.

Sie stehen als noch immer voll hinter Ihrem Konzept und sind sehr motiviert? Oder gibt es Dinge, die Sie anders machen würden, wenn Sie könnten?

Wenn’s meine Kraft erlaubt und meine Möglichkeiten gesundheitlich vorhanden sind, würde ich nie das Geschäft aus der Hand geben, solange ich Power habe und klar im Kopf bin. Ich könnte mir nur vorstellen, dass jeder so sein Ding macht, sich spezialisiert, wie ein Subunternehmen, aber alles unter einem Dach läuft. So könnte man ganz Frankfurt und Umgebung wunderbar vernetzen. Jeder macht seine Sache, jeder ist für sich selbst verantwortlich, aber es ist eine Dachorganisation vorhanden. Grundsätzlich auf ´nen Markt zu kommen, ist nicht so schwer – also in Frankfurt schon. Fast unmöglich. Aber auf´m Markt zu überleben, das ist die Schwierigkeit.

Was war das einprägsamste Erlebnis hier auf dem Markt?

Oh, da gab es so viele besondere Ereignisse. So viele besondere Menschen, man kriegt hier so viel mit. Am schlimmsten war die Zeit um den 11. September, da hatten wir hier Angst, gerade weil es hier so zentral ist, direkt am Bahnhof. Das war eine schwierige Zeit. Aber eigentlich ist jeder Tag ein besonderer. Ich kenn hier auch alle Leute, alle Milieus, ich komme auch mit allen klar und verstell mich nicht. Das ist ja gerade das Schöne hier, dass sich alles so eng vernetzt. Mein Vorbild war Kreuzberg. Das war die Vorbildfunktion, da gab es schon diese dichte Vernetzung. Das habe ich alles im Internet recherchiert. Das wollte ich auch hier schaffen und dachte, das müsste man in Frankfurt erreichen. Man müsste es schaffen, dass es hier ein Straßenfest gibt. Ich weiß noch hier am ersten Tag, da hatten wir das ZDF hier, da wurde der Vierteiler gedreht „Das Bahnhofsviertel lebt“ und da habe ich geäußert: „I have a dream: Dass das Straßenfest mal bis ganz runter geht, über alle Straßenzüge.“

Ist das noch immer Ihr Traum?

Ja, es ist immer noch mein Traum. Ich will es mal schaffen, dass das Fest über die gesamte Kaiserstraße geht. Im Moment sind wir ja schon auf zwei Straßenzügen, im letzten Jahr hatten wir schon mal drei Straßenzüge, das war ein bisschen viel, denn da waren noch so viele Baustellen und Arbeiten. Ist ja noch ne Weile hin, aber zur nächsten WM wäre das gut denkbar. Das wird wieder ´ne lange Aufgabe werden, aber es wäre toll zwischen den Markttagen wieder ein Event zu planen. Wie setzen sich denn Ihre Kunden zusammen?

Haben Sie viele Stammkunden?

Ja, 80 %. Um die 80 – 90 % sind Stammkunden. Ich existiere fast nur über meine Stammkundschaft. Das ist Wahnsinn, die kommen immer und egal bei welchem Wetter und viele kommen aus dem Büro, die schicken dann nur einen, der dann gleich 6 bis 7 Portionen holt. Hier ist auch so manchmal viel los, gerade wenn Messe ist. Aber für meine Stammkunden habe ich immer was da, die kalkuliere ich immer mit ein. Wir sind auch immer ausverkauft.

Was ist das Besondere hier an diesem Markt?

Das ganz Besondere hier ist, wir sind wie eine große Familie. Wir müssen immer zusammenhalten, egal ob wir uns immer lieben oder nicht. Es ist wie eine Zwangsheirat, wie eine Verbindung. Jeder darf dem anderen nicht in die Quere kommen, nicht die gleichen Produkte anbieten. Es muss ein „gemeinsam“ geben, sodass man ineinander fließt. Der Kunde, der hierher kommt, der weiß genau was er kaufen will: Ein Stück Käs´, der will vorne sein Brot, der isst bei mir ´ne Suppe oder Grüne Soß’, holt ein Stück Butterfisch, holt was beim Gemüsehändler und zum Schluss trinkt er ´nen Schoppen Wein. Das ist für mich Marktleben, so muss es sein.

Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft hier?

Ich wünsche mir, dass die Vernetzung hier noch stärker und intensiver wird und für vollwertig genommen wird. Das ist sehr wichtig, denn das ist etwas, was wir hier bleibend hinterlassen. Ich wünsche mir, dass dauerhaft das Bahnhofsviertel und sein Image aufgewertet und nicht mehr als Randgebiet und ekelig empfunden wird. Wir haben es ja schon ein gutes Stück weit geschafft.

Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Mein Lebenserfolgsrezept, das sind drei Punkte: Gute Qualität, absolute Ehrlichkeit und absolute Frische – gerade im Lebensmittelsektor. Ich komme noch von der guten alten Verkaufsschule, wo Disziplin noch ein hartes Wort war. Ich musste in der Schule noch gerade laufen, mit einem Buch auf dem Kopf. „The Show must go on“ – Gutes Durchhaltevermögen. Es geht immer weiter, ich lasse mich nicht unterkriegen, von nichts. So was spricht sich rum, das ist alles eine Mund-zu-Mund-Propaganda.

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