Mit goldener Schere

Mit goldener Schere

Im Rotlichtviertel sind Männer. Klar. Anfang August 2012 eröffnete Atli Fatih seinen zweiten Salon nur für diese Zielgruppe.

Wie lange haben Sie Ihr Friseur-Geschäft schon?

Läuft sehr gut, Preis ist eher weniger, aber Gott sei Dank es läuft.

Hatten Sie erst geplant, mehr für einen Schnitt zu verlangen?

Ja, Preis ist wichtig, aber Service ist auch wichtig. Billiger Preis, aber guter Service! Es gibt viel Konkurrenz.

Gibt es denn hier sehr viel Konkurrenz für Sie? Sie sind immerhin nur auf Männerschnitte spezialisiert.

Ja, sehr viel. Aber man muss probieren. Ist wie in einem Restaurant. Man muss hin und probieren, schauen wie das Essen ist und wie der Service ist. Hier ist es so: guter Preis und gute Qualität.

Hatten Sie von Anfang an ein Konzept oder haben Sie einfach den Laden aufgemacht und geschaut ob es läuft?

Mein Konzept ist: Alle machen um 9 Uhr auf. Ich mache immer um 8 Uhr auf. Weißt du warum? Frankfurt ist eine Großstadt, alle müssen um 9 Uhr arbeiten, wollen aber zum Friseur. Die haben keine Zeit. Ich mache um 8 Uhr morgens auf. Abends mache ich um 20 Uhr zu. Manche Leute kommen um 20 Uhr, dann mache ich das auch. Es gibt Tee und ich bin vorbereitet. Wann ist denn tagsüber am meisten los? Nachmittags. Vormittags sind es eher wenige Leute. Ab 14 Uhr ist ein bisschen mehr los. Nachmittags dann noch mehr, vormittags eher nur so 3 oder 4 Kunden.

Wie sieht der Service bei Ihnen aus? Was genau bieten Sie an, damit der Kunde sich wohl fühlt?

Service ist, da kommt der Kunde, will die Haare schneiden. Ich schneide die Haare und mache extra die Ohren sauber. Kostet nur 10 Euro Haare schneiden, aber dann noch zusätzlich Ohren sauber und Nase sauber. Das ist ein Extraservice, aber der Preis bleibt bei 10 Euro, bleibt stabil. Zum Beispiel kommt ein Kunde zum ersten Mal, Haare schneiden mit Maschine und waschen, das kostet 10 Euro. Ist weniger Arbeit, man muss aber immer gucken, das ist Service. Zum Beispiel kommt ein Kunde mit mehr Haaren, man muss mit der Schere schneiden, das dauert dann 20 Minuten. Ist immer unterschiedlich, aber der Preis ist immer stabil. Der Kunde muss immer zufrieden sein.

Bedeutet das, dass Sie viele Stammkunden haben?

Ja viel, sehr viel! Über 50 % sind Stammkunden.

Seit wann arbeiten Sie in diesem Beruf?

Seit 20 Jahren. Aber das Geschäft ist hier seit 2002.

Wie und wann sind Sie auf diesen Beruf gekommen?

In Istanbul. Meine Familie in der Türkei arbeiten alle auf der Baustelle. Aber da ist es im Winter kalt, es regnet, im Sommer zu heiß, das ist alles nicht so gut. Es ist nie stabil. Heute mal gut, morgen nicht. Ich brauche ein System.

Sind Sie richtig zufrieden mit der Berufswahl? War es die richtige Wahl?

Also, wenn ich wiedergeboren werden würde, ich würde wieder Friseur werden.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen im Bahnhofsviertel Ihren Laden aufzumachen?

Ich wollte hier arbeiten, in dieser Straße. Im Bahnhofsviertel, hier sind viele Büros. Jetzt ist Urlaubszeit, aber es sind viele Leute hier. Man sollte nicht an einen ruhigen Platz gehen, manchmal tut das gut, aber meistens ist es zu leer, nix zu tun.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, einen reinen Männersalon zu eröffnen? War das Ihre Strategie?

Das ist hier ein Rotlichtviertel, Hauptbahnhof, hier sind viele Männer. In der Münchener Straße, hier laufen wenig Frauen rum. Das Problem ist auch der Platz. Dieser Platz hier reicht nicht für beides, es sind hier nur 100 m2 in diesem Laden. Man bräuchte sonst viel mehr Platz für alles Frauenzubehör. Männer, wenn die mal warten müssen, können sie alle hier sitzen, sich in Ruhe unterhalten, es ist genug Platz. Dann kommt beispielsweise eine Frau, die will sich unterhalten, das ist dann unangenehm. Manche mögen das nicht, dafür braucht man mehr Platz.

Was sind Ihre weiteren Pläne? Ihr großer Traum?

Ich mache einen neuen Laden auf. Am 1.8.2009 ist die Eröffnung vom zweiten Laden. Ich hoffe, es läuft gut. Ich teste das aus. Wenn damit alles gut läuft, dann überlege ich, einen dritten aufzumachen. Der zweite Laden ist auch wie hier, nur Männer. Der Dritte, der soll dann für Damen und Herren sein.

Wie viele Kunden kommen in etwa am Tag zu Ihnen?

Vormittags ist nicht viel los, aber am Nachmittag. Nachmittags ist es stressig. Es läuft immer. Es gibt nie eine Garantie, aber wenn es richtig gut läuft, dann kommen 50, 60 Personen am Tag.

An welches besondere Ereignis erinnern Sie sich hier im Laden?

Am Anfang war es schwer, aber dann wurde es immer besser. Wenn Sie positiv denken, dann ist am Ende alles okay. Wenn sie aber immer negativ denken und nochmal negativ, dann wirken sie auch negativ und das ist schlecht. Letztes Jahr war ich im Urlaub, im Juli. Dann wurde hier zwei Mal eingebrochen hier im Laden. In einem Monat zwei Mal! Ich habe drei Kameras für den Laden bestellt. Beim ersten Mal sind sie durch die Klimaanlage gekommen. Beim zweiten Mal haben sie das Schloss mit der Bohrmaschine kaputt gemacht. Obwohl ich zur Bank gehe und hier nur Münzen im Laden bleiben. Vielleicht hat jemand gesehen, der hier gesessen hat. In meiner Kasse waren 1.500 Euro, das war auch weg. Der hat jetzt ungefähr 4.500 Euro Schulden bei mir, das werde ich ihm nicht vergessen.

Möchten Sie in Zukunft in Deutschland und in Frankfurt bleiben?

Meine Lieblingsstadt ist Frankfurt. Ich bin hierher gekommen und bleibe bis zum Ende. Wenn weiter alles gut läuft, kaufe ich eine Wohnung. Ich gehe im Urlaub zurück, aber ich bleibe hier. Meine Schwester ist hier, meine Mutter und mein Bruder sind alle in Istanbul. Deutschland ist mein zweites Land.

Warum haben Sie sich entschieden, nach Deutschland zu kommen?

Ich habe geheiratet, bin hier nach Deutschland gekommen und habe gearbeitet. Ich bin nicht alleine. Meine Frau und meine drei Kinder. Wenn ich alleine wäre, könnte ich vielleicht zurück, das wäre kein Thema. Ich könnte dort auch ein Geschäft machen, das gut läuft. Aber ich muss an alle denken. Soll ich mich scheiden lassen und zurück in die Türkei gehen? Nein, nein, nein. Ich bin ein Mensch. Geld hat man entweder viel oder weniger, aber ein Leben hat man nur einmal. Ich kann zurückblicken und bin zufrieden. Meine Frau weiß, wie dieser Beruf ist. Wenn um halb sieben oder sieben ein Kunde kommt, kann ich nicht das Geschäft zu machen. Ich muss bis 20 Uhr warten. Und wenn um 20 Uhr ein Kunde kommt, bleibe ich hier. Vielleicht kommt er von Wiesbaden oder aus Bad Homburg oder Gallus extra für meinen Friseurladen. Gott sei Dank meine Frau ist ein sehr netter Mensch. Manche Frau sagt, du musst pünktlich kommen. Meine Kinder mussten zum Zahnarzt. Meine Frau weiß, wenn hier alles o.k. ist, komme ich mit ihr. Wenn nicht, muss sie alleine gehen. Ich bin glücklich. Drei gesunde Kinder, eine gute Frau und meinen richtigen Beruf. Ich bin Millionär, oder?

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