Zu Gast hinter verschlossenen Toren

Zu Gast hinter verschlossenen Toren

Ein Blick hinter die Kulissen: die Freimaurerloge >Zur Einigkeit< in der Kaiserstraße 37

Am Anfang steht das Fragezeichen

Die Freimaurerloge Zur Einigkeit ist eine Institution, die sicherlich zunächst auf einige Skepsis trifft – jedenfalls auf meine. Kein Wunder: Erstens übersieht man sie leicht, auf dem gehetzten Fußweg vom Hauptbahnhof in die Innenstadt. Lange Zeit war zumindest mir nicht klar, dass sich dort, vorbei an der Internationalen Buchhandlung auf der einen, der Kaiserpassage auf der anderen Seite, eine Loge befindet – zudem eine der größten Deutschlands. Zweitens: Die Veranstaltungen der Loge und ihre Räumlichkeiten sind „fast geheim“. Im engeren Sinne ist sie nur Mitgliedern vorbehalten. Wer diese Mitglieder sind, weiß man als Außenstehende erst einmal nicht so genau, wofür sie stehen und womit sie sich beschäftigen – ein Umstand, der wohl auf die meisten Vereine zutrifft. 1742 nach englischem Logenvorbild „eingesetzt“, logiert die Loge Zur Einigkeit seit 1896, also seit Entstehung des Bahnhofsviertels, in der Kaiserstraße 37 – und das auf eine sehr zurückhaltende, beinahe unsichtbare Weise. Von der Straße aus durch die Hauseinfahrt kommen zufällige Besucher, die vielleicht aus dem Orange Peel nebenan vorbeistolpern, nur bis zum großen Eisentor. Dies ermöglicht zwar den Blick in den Logenhof und auf die hinteren Gebäude, versperrt aber den freien Eintritt. Ah, wir sind hier falsch. Privatgelände, klar. Was ich lange auch nicht wusste: Einen Termin für ein Interview oder einen Blick in die Institution zu bekommen ist gar nicht so schwer. Eigentlich muss man nämlich nur anrufen und fragen.


Durch das Gitter, hinein in die Loge


Als sich das Tor dann endlich öffnet und der Logenvorsitzende Christian G. Hirschbiel und der Archivar Hans Koller begrüßen und ins Innere der Loge bitten, wird schnell klar, dass das Lärmen der Straße und die Geschäftigkeit des Bahnhofsviertels einfach außen vor bleiben. Hier ist es ruhig – eine Oase der Stille in der städtischen Hektik Frankfurts, wie es Hans Koller nennt. Die Kernigkeit der Umgebung, die vorübergehend selbst hartgesottene Großstädter zur Verzweiflung treiben kann, ist hier weder hör- noch spürbar. Kommt man ins Innere des großzügigen Haupthauses, riecht es nach England: Große, holzgetäfelte Räume mit hohen Decken verströmen Großbürgerliches, kürzliche Restaurierungsarbeiten haben hier und da kleine Markierungen hinterlassen. Ein imposantes Treppenhaus mit tapetenbezogenen Wänden verbindet mehrere Etagen, Büros, eine Bibliothek, ein Archiv, einen Speisesaal, einen ausladenden Neorokkoko-Festsaal und den „Tempel“ für freimaurerische Rituale. Sogar eine Kegelbahn gibt es im Keller .

Außer Hans Koller und Christian G. Hirschbiel, die uns herumführen, geduldig Fragen beantworten und Einzelheiten zu Geschichte und Kultur der Loge berichten, scheint das Haus jedoch tagsüber leer – ein bisschen museal. Ich möchte etwas über Gastfreundschaft wissen an diesem Ort, der so seltsam aus der Zeit gefallen scheint. Bisher kam mir die Idee einer Loge nicht als eine vor, die sich als genuin gastfreundlich beschreiben lässt. Aber Gastfreundschaft, so wissen wir aus der Erfahrung im Viertel, kann viele Gesichter haben. „Als Freimaurer sind Sie in der ganzen Welt zuhause“, meint Hans Koller, der sich mit fachkundiger Begeisterung um die bibliografische Archivarbeit im Haus kümmert. Brüder aus aller Herren Länder können während ihrer Besuche in Frankfurt hier anklopfen und finden sofort Anschluss, werden eingeladen, fühlen sich verbunden. Partnerlogen in der Art von Partnerstädten und –gemeinden sind eine der Grundideen, die die Logen aus aller Welt zusammenhalten. Darüber hinaus sind auch andere Interessierte zu Gästeabenden eingeladen, an denen sich Mitglieder der Loge in geselliger Runde den Fragen der Besucher stellen. In den Logenräumen selbst werden regelmäßig öffentliche Konzerte, Kongresse und Vorträge veranstaltet.

Die Loge Zur Einigkeit hat sich über die Jahrhunderte mit Erfolg gegen ideologische Strömungen gewehrt, die solche Gastlichkeit und internationalen Austausch infrage zu stellen suchten – ihre Mitglieder kommen aus den unterschiedlichsten Branchen und Berufen, sind vielseitiger ethnischer Herkunft und gehören verschiedenen Religionen und Glaubensrichtungen an. In der Loge zählen keine Äußerlichkeiten und nicht das Jenseitige. „Es kommt darauf an, einander zuzuhören und vom Anderen zu lernen – nicht darauf, ihn zu bekehren.“ Freunde außerhalb des eigenen Alters und der eigenen Lebenswirklichkeit finden zu können, diese Möglichkeit beschreibt Christian G. Hirschbiel als einen wichtigen Aspekt der Einrichtung. Seit zehn Jahren ist er Mitglied der Loge und hält zurzeit den Vorsitz inne. „Die Loge ist ein Ort, an dem sich Menschen treffen, die im Alltagsleben nicht die Zeit oder Gelegenheit hätten, sich frei und ohne gesellschaftliche Zwänge über individuelle und gesellschaftliche Themen auszutauschen.“


Wie immer: die Barriere im Kopf


Klingt, als sei dies ein illusorischer Ort? Möglich. Jedenfalls eine Welt, in die es sich lohnt, aufmerksam hineinzusehen. Auf Aufmerksamkeit und Offenheit von Seiten der Loge wird man mit Sicherheit treffen – keine Frage bleibt unbeantwortet, kein Bereich ausgespart. Beinahe alles wird zugänglich gemacht – auch eine Art spontaner Gastfreundschaft. Der Besuch bei den Freimaurern hinterlässt jedenfalls bei mir den Eindruck, dass ihre spezifische Art des „Sich-Öffnens“ und ihre höfliche aber zurückhaltende Kommunikation aus der Entscheidung entstehen, erst einmal einen abgeschlossenen Ort zu schaffen: Innerhalb dieses Ortes ist der Begriff der Gastfreundschaft dann irgendwie sehr schlüssig.

Aktive Kontaktaufnahme oder gar Eigenwerbung seitens der Einrichtung bleiben jedoch aus. Selbst die ausführliche Stiftungsarbeit findet im Stillen statt. So ist unter anderem die Vergabe von Stipendien an Studierende – nicht nur an männliche – eine Grundfeste der Logenarbeit. Etwa zwischen 80.000 und 120.000 Euro werden allein für diesen Stiftungsschwerpunkt jährlich bereitgestellt. Zu lesen ist davon nirgendwo, nicht einmal auf dem ausführlichen Auftritt der Loge im Netz – den gibt es nämlich auf www.freimaurerloge-zur-einigkeit-frankfurt.de.

Besuchen kann man die Loge übrigens an mehreren Terminen im Jahr – jeweils zu öffentlichen Veranstaltungen und während der Bahnhofsviertelnacht im August. Alle Informationen dazu sind auf der Webseite der Loge zu finden. Bestimmt gehe ich wieder einmal hin – mal schauen, was so passiert, meine anfängliche Skepsis jedenfalls hat sich schon gelichtet. Bloß eine Mitgliedschaft kann ich mir als Frau hier wohl abschminken.

 

Autorin: Martina, VIER FÜR TEXAS