"Ich bin selbst Grenzgänger"

Uli Mattner, Fotograf und Stadtführer, blickt hinter die Kulissen des Viertels. Seine Führungen zwischen Münchener-, Kaiser- und Taunusstraße sind regelmäßig ausgebucht.

Lieber Uli, was hast Du gemacht, bevor Du Guide geworden bist?
Ich war viele Jahre bei der F.A.Z., habe freiberuflich viel für McKinsey gearbeitet, habe Bücher geschrieben und Pressearbeit gemacht, war Ghostwriter. Schon immer hatte ich auch diese Zweiteilung – Fotograf und Journalist. Und dann, vor sechs Jahren, habe ich eine große Geschichte gemacht, über die Frankfurter Hochhäuser – aber von innen, da gibt es die irrsten Dinger. Private Wealth Lounges, wo die Leute ihre Reichtümer besuchen können. Die gehen dann zu ihrem Schließfach und betrachten ihre Schätze. Dann gibt es Designer Safes und Safes, wie man sie aus Filmen kennt, mit alten Beschlägen und Verzierungen. Und irgendwann stand ich dann im „Gallileo Art Tower“ und schaue so runter und denke – das ist ja echt verrückt, die Bank steht ja quasi mitten im berüchtigten Bahnhofsviertel.

Dann hast Du das Viertel ja zum ersten Mal bewusst von oben gesehen?
Richtig, wobei, ich hatte schon mal hier gearbeitet ... vor 36 Jahren, da habe ich Pelze ausgefahren. Nerze in den Taunus und Karnickel zum Otto Versand. Du musst wissen, das Bahnhofsviertel war vor nicht langer Zeit das größte Pelzhandelszentrum der Welt. Du kannst Dir das gar nicht mehr vorstellen, wir Kuriere haben uns mit Kleiderrollwägen gegenseitig auf dem Bürgersteig überholt. In der Niddastraße haben noch ein paar Händler überlebt, das ist aber ein Bruchteil von dem, was mal war.

Zurück noch mal zu den Banken ...
Ja, da stand ich in dem Hochhaus und dachte, wenn ich in meinem Totenbett liege, dann möchte ich es nicht verpasst haben, dort mal gelebt zu haben. Ich wusste, ich muss da hin, damals lebte ich ja noch in einer Idylle in Bayern. Wegen der Gegensätze, die uns heute bestimmen. Also, wenn Du 80 Milliarden Euro brauchst, dann musst Du auch dahin, weil der Bankenrettungsfond SoFFin hier ist. Lange Zeit stand auch das teuerste Kunstwerk der Welt bei uns im Viertel, ein Giacometti. Na, und dann die andere Seite, die Drogen, die Prostitution, ...

Da spricht auch Dein Journalistenherz – gute Geschichten leben ja immer von Gegensätzen ...
Ja, mir war klar, dass da etwas passieren wird. Ich habe mich immer für Energien interessiert, zum Beispiel, wie die Wirtschaft tickt. Und jetzt interessiere ich mich dafür, wie das Bahnhofsviertel tickt. Die Bahnhofsviertelwirtschaft.

Hast Du das Gefühl, Du verstehst die Wirtschaft des Bahnhofsviertels?
Nein, ich habe das Gefühl, dass ich das Wirtschafts- und das Bankensystem verstehe, aber die Bahnhofsviertelwirtschaft nicht.

Versteht es irgendjemand?
Nein ... die Rotlichtleute verstehen ihr Rotlicht, die türkischen Händler verstehen ihre türkische Community und die Künstler verstehen ihr Ding, aber keiner versteht alles oder auch nur das Zusammenspiel.

Hängen die Ökonomien zusammen?
Nein, alles ist getrennt. An einigen Stellen laufen ein paar Fäden zusammen, zum Beispiel bei der Pik Dame. Da war vor kurzem „Pro Familia“ drin: „Die Geschichte des Pornofilms“. Das ist doch verrückt, oder?

Gerade, dass niemand so genau Bescheid weiß, aber jeder gerne Bescheid wissen möchte, ist wahrscheinlich auch das Erfolgsrezept Deiner Führungen? Die meisten sind ja weit im Voraus ausgebucht.
Ja, so ging es überhaupt los, dass die Frauen in meinem Bekanntenkreis mich angesprochen haben zu den Puffs, da sie ja da nicht reindürfen. Und das ist natürlich interessant, wenn ein Teil der Menschheit da begeistert reinrennt und der andere nicht darf. Es gibt auch das ganz klare Schema – je weiter weg und je besser verdienend, desto interessierter.

Uli, heute wurde das Unwort des Jahres gewählt. Weißt Du, was es geworden ist?
Keine Ahnung!

„Sozialtourismus“, das trifft es wahrscheinlich ganz gut, dieses Unwort, nur als „umgekehrter Sozialtourismus“.
Ja, darum geht es dann wahrscheinlich, das schreiben auch die Soziologen. Es gibt viele, die gerne kommen, sich ein bisschen gruseln ...

... das ist auch meine Beobachtung. Genauso wie Du lebe und arbeite ich hier und finde es etwas komisch, wenn Gruppen hier hereingeführt werden. Die schauen sich um, quaken etwas von Gentrifizierung und fahren dann nach Bornheim zurück. Das ist schon ein bisschen wie im Zoo und soll aus deren Perspektive auch so bleiben ...
... genau, ich bin ja auch an dieser Grenzlinie, ich bin selbst ein Grenzgänger. Zum Beispiel bringe ich die Leute in das Separee einer Animierbar, da kommt man nur für 300 Euro und eine Flasche Champagner rein und dann wird erzählt, wie das Business funktioniert ...

... was ja gerade hier eine faszinierende Komponente hat, das mit dem Separee: Das Separee kostet mich dann 500 Euro oder 1.000 Euro, während Sex 30 Euro kostet.
Ja, weil die Illusion mehr wert ist. Hier wird Dir die Illusion verkauft, dass sie auf Dich stehen und da ist niemand dagegen gefeit. Als ich angefangen habe mit den Rotlichttouren, da habe ich in einem Nightclub auf den Chef gewartet und nach nicht mal einer Minute hatte ich schon einen blonden Engel heftig mit mir flirtend fast auf meinem Schoß sitzen und ich hab ihr dann so profimäßig gesagt, dass ich auf den Chef warte und sie sich keine Mühe geben soll. Ich bin hier nicht einer von denen, verschwende Deine Zeit nicht und so. Und als ich dann zum Chef bin, war ich total aufgeputscht, was ich für ein toller Typ bin, dass so eine mit Mitte 20 auf einen wie mich mit über 50 steht, bis es mir langsam gedämmert ist, wie gut das gemacht ist und ich ...

... und Du am Honigtopf kleben geblieben bist …
(lacht) Ja, und auf so eine Reise kann ich meine Kunden mitnehmen. Wir dürfen ganz nah dran, weil ich ja Teil hier im Viertel bin und alle kenne. Und die Leute reagieren ganz unterschiedlich auf das, was sie sehen. Manche sind betroffen, manche sind überrascht, aber interessant ist es eigentlich für alle. Und bei der „Sex and the City“-Tour, wo sowieso nur Frauen zugelassen sind, geht’s auch schon ganz schön in die Tiefe, da erkunden wir auch die Begierden.

Möchtest Du da auch Einsichten vermitteln?
Ja, warum geht man da überhaupt hin? Da gibt es einen Typ, der kommt mit einem Rucksack und was glaubst Du, was da drinnen ist?

Ich muss passen!
Spielzeugautos! Und mit denen spielt er dann auf dem Boden und irgendwann muss er zur Strafe in die Ecke, weil sie ihm das verboten hat,  und sie zertrampelt mit Stilettos die Autos, was ihn im Kopf unglaublich erregt, gar nicht mal zwischen den Beinen. Ja, und solche Geschichten teile ich dann und weil zum Beispiel bei der „Sex and the City“-Führung kein Mann dabei ist, können die Frauen das auf sich wirken lassen und diskutieren. Und das ist dann schon interessant: Manche lachen und sagen, für das Geld dürfte das mein Mann auch bei mir machen und eine andere erzählt mir: „Mein Mann hat mir erzählt, auf was er steht; hätte er es lieber mal gelassen.“

Du gehst aber auch Deiner eigenen Faszination nach, dieses Grenzgängertum hat ja auch viel mit Journalismus, mit Geschichten zu tun, oder?
Ja, ich bin wie Dädalus, ich versuche der Sonne nahezukommen, ohne zu verbrennen, nicht wie Ikarus.

Manchmal kommt man wahrscheinlich auch ein bisschen zu nah dran. Du wohnst ja hier, ist es manchmal auch ein bisschen viel Bahnhofsviertel?
Ja, absolut, darum fahre ich auch verstärkt weg, zum Beispiel an den Gardasee.

Da wird auch weniger auf die Straße gespuckt, alles ganz sauber, ist aber auch ein wenig Zoo das Ganze, genau wie die Schweiz, die ist auch ein Zoo.
Ja, da hat man auch das Gefühl, das sind alles Darsteller.

Wir gucken halt alle gerne.
Auf jeden Fall! Und was mich halt reizt, ist das nicht so zu zeigen, wie das dann draußen rumerzählt wird, sondern wirklich gut und auch richtig. Da kursieren so viele komische Abenteuergeschichten, das ist oft einfach Quatsch. Ich möchte gute Geschichten zu diesem Ort erzählen.

Hast Du noch ein paar Lieblingsorte für uns?
Ja, die Dachterrasse vom Hotel Nizza natürlich, die ist schön. Dann noch das Café im Hostel auf der Kaiserstraße im dritten Stock. Da triffst Du die Jugend der Welt wie früher in Amsterdam oder „Five Elements“. Dann noch die „Villa Oriental“ mit dem Zelt im Innenraum.

Ich danke Dir, Uli!      

 

Interview: VIER FÜR TEXAS                   

 

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