Ein Ort des Fortschritts

Ein Ort des Fortschritts

Warum das Bahnhofsviertel schon immer ganz weit vorne war, erzählt ein kurzer historischer Rückblick auf die Elektrotechnische Ausstellung von 1891.

Ganz oben auf der Kuppel des Hauptportals des Frankfurter Hauptbahnhofs steht die kupferne Atlas-Statue. Der Titan trägt die Last der Welt nicht mehr allein, er hat Unterstützung bekommen. Die neuen Techniken „Dampf“ und „Elektrizität“ in Gestalt zweier Jünglinge sind ihm zur Seite gestellt, sie entlasten ihn. Die Statue von Gustav Herold symbolisiert die Hoffnung, dass der technische Fortschritt unser Leben erleichtert, sie steht für wegweisende Impulse, die vom Frankfurter Hauptbahnhof und dem vor ihm liegenden Viertel ausgehen sollten.

Beleuchteter Bahnhof
Als 1888 der Frankfurter Hauptbahnhof als damals größter Bahnhof Europas eröffnet wurde, erschien seine Beleuchtung revolutionär; sie wurde zum Stadtgespräch: Elektrische Beleuchtung war ein Novum, noch nicht einmal die Pariser Bahnhöfe waren damit ausgestattet. Allerdings funktionierten die damaligen Beleuchtungsanlagen noch mit Gleichstrom, einem Verfahren, bei dem auf der Distanz zwischen Erzeuger und Verbraucher erhebliche Energieverluste anfallen. Die Übertragung über eine Entfernung von mehr als 500 Metern war somit nicht sinnvoll: um die gesamte Stadt zu elektrifizieren, hätte es einer Vielzahl kleiner Kraftwerke bedurft.

Dynamik des Fortschritts
Drei Jahre später, im Jahr 1891, fand auf dem noch wenig bebauten Areal zwischen Hauptbahnhof und Stadt die Internationale Elektrotechnische Ausstellung (IEA) statt – ein weiteres Ereignis, das europaweit Beachtung fand. Attraktionen, wie das mit eintausend elektrischen Glühbirnen beleuchtete Eingangsportal und ein künstlicher Wasserfall zogen viele Tausend Besucher auf das Ausstellungsgelände, man bestaunte und feierte die neue Technik. Zum ersten Mal in der Geschichte war es gelungen, Wechselstrom über die Distanz von 288 Kilometern zu übertragen: von Lauffen am Neckar nach Frankfurt am Main. Und das mit einem für damalige Verhältnisse niedrigen Übertragungsverlust von nur 25 Prozent. Durch die gelungene Fernübertragung war ein neues Zeitalter angebrochen: Die moderne Technik hielt Einzug halten in die Stadt und das Leben ihrer Bewohner. Vom Gebiet des heutigen Frankfurter Bahnhofsviertels aus trat die Wechselstromtechnik ihren Siegeszug durch die Welt an.

Zukunftsmusik
Gesellschaftlich gesehen ist das Bahnhofsviertel noch immer der fortschrittlichste Teil unserer Stadt. Die hohe Durchmischung der Bevölkerung und das rasche Tempo, in dem Menschen hier her- und wieder wegziehen, ist bei uns bereits Alltag und wird in anderen Stadtteilen und Städten erst in Zukunft so stattfinden: Etwa die Hälfte der Bevölkerung tauscht sich innerhalb von vier Jahren komplett aus, das heißt, sie zieht aus dem bzw. ins Bahnhofsviertel. Um auch technisch wieder zum Ort des Fortschritts zu werden, arbeitet der Gewerbeverein [Treffpunkt Bahnhofsviertel] daran, flächendeckend freies WLAN einzurichten, wie es sich für eine moderne Metropole gehört: Das Bahnhofsviertel war von Beginn an ein Ort des Fortschritts und soll auch wieder dazu werden.

 

Autor: Oskar Mahler, Präsident des Gewerbevereins [Treffpunkt Bahnhofsviertel], Interessengemeinschaft zur Förderung von Gewerbe, Kultur, Handel, Freiberuflern und privatem Grundbesitz

Titelfoto (Panorama): Ulrich Mattner
(Bahnhofsviertel-Touren mit Ulrich Mattner findest du hier.)