Einführung

Frankfurt Bahnhofsviertel

Die Geschichte des Bahnhofsviertels, kurz und knapp.

 

Karten und Grafiken

Karte des Bahnhofsviertels (OpenStreetMap)

Karte des Bahnhofsviertels (Quelle: openstreetmap.org)

Karte des Bahnhofsviertels im Kontext (OpenStreetMap)

Karte des Bahnhofsviertels im Kontext (Quelle: openstreetmap.org)

Eine sehr kurze Geschichte des Frankfurter Bahnhofsviertels

Torsten Weber, 20.07.2026

Kaiserstraße 1910

Kaiserstraße, 1910

Gründerzeit (1888–1918)

Das Bahnhofsviertel entsteht im späten 19. Jahrhundert als modernes Vorzeige‑Stadtviertel rund um den 1888 eröffneten „Centralbahnhof“. Auf dem Gelände ehemaliger Gutshöfe entwickeln sich prunkvolle Mietshäuser in Blockrandbebauung, Banken und Geschäftshäuser, ein pulsierendes kulturelles Leben mit großen Theatern und Kleinkunstbühnen, Bordelle und „Vergnügungsstätten“ aller Art.

Weimarer Republik (1918–1933)

Die Folgen des Ersten Weltkriegs sind im Bahnhofsviertel besonders sichtbar: Armut und soziale Fragmentierung. Die Diversität durch migrantische Netzwerke und neue Handels- und Dienstleistungssektoren führen aber auch zu wirtschaftlicher Dynamik.

Nazi-Zeit und Kriegszerstörung (1933–1945)

Die zentrale Lage macht das Viertel zu einem Ort von Propaganda und Repression. Jüdische Geschäfte werden boykottiert und enteignet, das jüdische Leben im Bahnhofsviertel wird vernichtet. Die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs zerstören einen Teil der Bausubstanz: Viele der Gründerzeitgebäude sind irreparabel beschädigt.

Wirtschaftswunder (1945–1975)

In der Nachkriegszeit folgt eine großflächige Abriss‑ und Neubebauungswelle: Alte Bausubstanz wird systematisch entfernt. Funktionalistische Neubauten ersetzen historische Strukturen. Das großbürgerliche Ambiente der Kaiserstraße bleibt aber zunächst erhalten. Die massive Präsenz der US-Streitkräfte rund um Frankfurt verstärkt das „Nachtleben“ im Bahnhofsviertel wieder. Auch die traditionelle, soziale Funktion als „Arrival City“ für migrantische und prekäre Gruppen ist eine Konstante und macht das Bahnhofsviertel zu dem Integrations- und Innovationsmotor der multikulturellsten Stadt Deutschlands.

Kaiserstraße 1981

Kaiserstraße 1981, Filmplakat

Schleichende Transformation (1975–2005)

Mit dem Bau der S-Bahn verliert die Kaiserstraße ihre Funktion als Flanier-Meile. Durch die fallenden Immobilienpreise verändert sich die Bevölkerungsstruktur im Viertel: Rotlicht-Milieu und Spielhallen bleiben, aber es gibt u.a. mehr Studierenden-WGs und ethnische Kulturvereine in den oberen Etagen der ehemals großbürgerlichen Villen, migrantische Läden im Erdgeschoss sowie viele Nischen für Kunst und Kultur jenseits des Mainstreams – und auch für den Drogenkonsum. Das Bahnhofsviertel wird zu einer Projektionsfläche für den lokalpolitischen Kulturkampf.

Gentrifizierung (2005–heute)

Im Bahnhofsviertel passiert das, was an vergleichbaren Orten weltweit auch geschieht. (Szene-) Gastronomie und Kunst-Ateliers lassen die Immobilienpreise wieder steigen. Investoren, große Arbeitgeber und das gehobene Bürgertum kehren zurück, schätzen die Zentralität und das „Verrucht-Coole“ des Viertels, wollen die Kehrseite der Medaille aber nicht mehr hinnehmen. Der Blick auf das Bahnhofsviertel verändert sich, vor allem bei den Menschen außerhalb des Viertels. Die überfällige Aushandlung der unausweichlichen Zielkonflikte einer offenen Gesellschaft beginnt.