Geschichten

Frankfurt Bahnhofsviertel

Die Vielfalt des Bahnhofsviertels – subjektiv, realistisch, wach. Nur nie langweilig.

 

Skulptur "Mensch", Weißfrauenkirche, Gutleutstraße

Hommage an unsere Bildhauer

Wer das Bahnhofsviertel verstehen will, muss nach oben schauen.

Oskar Mahler, 25.08.2026

Katharina Wiench und Torsten Weber

„Für Frauen ist das Bahnhofsviertel
der sicherste Ort Frankfurts!“

Ein Rundgang mit Katharina Wiench durch ihren Alltag rund um den Niddasack

22.05.2026

Thomas Holz und Oskar Mahler

„Sich verletzlich zeigen, ohne sich zu entwürdigen!“

Ein Doppel-Interview mit Thomas Holz und Oskar Mahler über eine süchtige Gesellschaft, die sich im Bahnhofsviertel erkennt und erschrickt

18.05.2026

Blick in die Kaiserstraße, Frankfurt Bahnhofsviertel

Das Frankfurter Bahnhofsviertel: Eine großartige Schule für Bürger:innen

Natürlich kann man das Bahnhofsviertel nur spüren und verstehen, wenn man sich länger draußen im öffentlichen Raum aufhält.

Torsten Weber, 17.10.2024

Niddasack, Frankfurt Bahnhofsviertel

Das „Magische Viereck“ des Bahnhofsviertels

Im Bahnhofsviertel war und ist die DNA von Frankfurt heute noch am stärksten spürbar.

Torsten Weber, 05.08.2024

Mann vor Straßenbahn, Frankfurt Bahnhofsviertel

PAS DE DEUX – Der Frankfurter Hauptbahnhof und sein Viertel

Ort des Fortschritts, Entree zur Stadt, ausschlaggebender Faktor, der Frankfurt zur Metropole macht, und Raum für unsere Gäste.

Oskar Mahler, 2013

Hommage an unsere Bildhauer

Wer das Bahnhofsviertel verstehen will, muss nach oben schauen

Oskar Mahler, Datum: 25.08.2026

Dort, hoch über dem Hauptbahnhof, steht Atlas. Er trägt die Welt auf seinen Schultern. Doch Gustav Herolds Skulptur erzählt eine Geschichte, die weit über die Darstellung des antiken Titanen hinausgeht. Atlas ist nicht mehr allein. Zwei Jünglinge stehen ihm zur Seite: Dampf und Elektrizität. Sie helfen ihm, die Last der Welt zu tragen.

Es ist ein Bild des Aufbruchs.

Als Herold die Figurengruppe für den Frankfurter Hauptbahnhof schuf, war die Eisenbahn das große Versprechen einer neuen Zeit. Geschwindigkeit, Mobilität, Industrie und Technik schienen die Grenzen des bisher Möglichen zu sprengen. Der Hauptbahnhof wurde zum monumentalen Tor in diese neue Welt. Menschen kamen und gingen, Waren wurden transportiert, Entfernungen schrumpften. Frankfurt rückte näher an die Welt heran – und die Welt näher an Frankfurt.

Atlas auf dem Dach des Bahnhofs ist deshalb mehr als eine mythologische Figur. Er ist ein Symbol des Fortschritts. Der Mensch hat sich Kräfte geschaffen, die ihm helfen, die Last der Welt zu bewältigen.

 

Skulptur "Atlas"

„Atlas“, Gustav Herold (1886/87)

Doch wenn man vom Hauptbahnhof durch das Bahnhofsviertel geht, begegnet man einer zweiten, ganz anderen Botschaft.

Zwei Straßen weiter, auf dem Dach der Weißfrauenkirche, steht die Installation MENSCH des Bildhauers Mirek Macke.

Auch hier lohnt sich der Blick nach oben.

Während Herolds Atlas nach außen weist – zur Welt, zur Technik, zur Beherrschung der Kräfte, führt Mackes Arbeit den Blick zurück zum Menschen selbst.

MENSCH

Ein einziges Wort. Und vielleicht gerade deshalb eine so starke Antwort auf die Welt des Fortschritts.

Denn was geschieht, wenn Dampf und Elektrizität, wenn Maschinen, Computer, künstliche Intelligenz und globale Netze immer leistungsfähiger werden? Was geschieht, wenn wir immer schneller reisen, immer mehr produzieren und immer mehr miteinander verbunden sind?

Dann bleibt am Ende eine einfache Frage:

Wofür?

Der Atlas gibt darauf eine Antwort: Damit die Welt getragen werden kann.

Mackes MENSCH stellt eine andere Frage: Wer trägt eigentlich wen?

Zwei Dächer, zwei Blickrichtungen.
Vielleicht liegt genau zwischen diesen beiden Kunstwerken die eigentliche Botschaft des Bahnhofsviertels.

Der Hauptbahnhof ist ein Ort der Bewegung. Menschen kommen an, Menschen fahren ab. Hier treffen sich Reisende, Pendler, Geschäftsleute, Touristen und Menschen, die in Frankfurt ein neues Zuhause suchen. Züge verbinden Städte, Länder und Kontinente.

Das Bahnhofsviertel selbst ist ebenso ein Ort der Bewegung.

Kaum ein anderer Frankfurter Stadtteil hat so viele unterschiedliche Lebenswelten auf engem Raum. Hotels und Wohnhäuser, Banken und kleine Geschäfte, Restaurants und Nachtleben, Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, Büros und soziale Einrichtungen, Luxus und Armut, alteingesessene Bewohner und neu Zugewanderte liegen unmittelbar nebeneinander.

Das Viertel ist voller Widersprüche.
Diese Widersprüche sind kein Fehler, sie verkörpern unsere eigentliche Stärke.

Denn Herolds Atlas und Mackes MENSCH stehen nicht gegeneinander.
Sie bilden ein Paar.

Herold erzählt davon, was wir MENSCHen können. Macke erinnert uns daran, wer wir sind.

Herolds Jünglinge „Dampf“ und „Elektrizität“ sind Kinder einer Epoche, die glaubte, mit technischer Entwicklung ließen sich die großen Probleme der MENSCHheit lösen.

Und tatsächlich hat die Technik unser Leben gewaltig verändert.

Die Eisenbahn hat MENSCHen zusammengebracht. Elektrizität hat Städte zum Leuchten gebracht. Medizin, Kommunikation und digitale Technologien haben Möglichkeiten geschaffen, die für frühere Generationen unvorstellbar waren.

Auch das Bahnhofsviertel ist ein Produkt dieses Fortschritts.

Ohne Eisenbahn gäbe es diesen Stadtteil in seiner heutigen Form nicht. Der Bahnhof war der Motor, der das Viertel entstehen ließ. Hotels wurden gebaut, Gaststätten eröffnet, Handel und Gewerbe siedelten sich an. Menschen aus unterschiedlichsten Regionen kamen nach Frankfurt.

Skulptur "Mensch", Weißfrauenkirche, Gutleutstraße

„Mensch“, Mirek Macke

Das Bahnhofsviertel war von Anfang an ein Ort der Ankunft und damit auch ein Ort der Hoffnung. Wer ankommt, beginnt etwas Neues.

Aber der MENSCH bleibt

Doch Fortschritt allein macht noch keine gute Stadt.  Eine Stadt besteht nicht aus Schienen, Straßen, Gebäuden und Leitungen. Sie besteht aus

MENSCHen.

MENSCHen, die arbeiten.

MENSCHen, die wohnen.

MENSCHen, die reisen.

MENSCHen, die einsam sind.

MENSCHen, die sich lieben.

MENSCHen, die Hilfe brauchen.

MENSCHen, die anderen helfen.

MENSCHen, die hier geboren wurden, und MENSCHen, die gestern angekommen sind.

MENSCHen mit unterschiedlichen Sprachen, Gesängen, Religionen, Geschichten, Mythen und Hoffnungen.

Und genau hier bekommt das Wort MENSCH auf dem Dach der Weißfrauenkirche seine besondere Bedeutung.

Es ist eine Erinnerung daran, dass hinter jedem anonymen Strom von Reisenden ein einzelner MENSCH steht.

Die Pendler im Zug.

Die Reinigungskraft im Hotel.

Der Taxifahrerin vor dem Bahnhof.

Die Verkäuferin im Geschäft.

Die Obdachlose auf der Straße.

Die Geschäftsfrau im Büro.

Die Familie, die gerade in Frankfurt angekommen ist.

Die Jugendlichen, die nachts durch die Straßen ziehen.

Die ältere Frau, die seit Jahrzehnten hier lebt.

Sie alle gehören zur Geschichte dieses Viertels.

Eine neue Bedeutung von Fortschritt

Heute müssen wir Herolds Atlas neu betrachten.

Wir leben nicht mehr in jener ungebrochenen Zuversicht des technischen Aufbruchs, in der Dampf und Elektrizität beinahe ausschließlich als Kräfte des Guten erschienen. Wir leben in einer Zeit neuer Kriege und erleben mit Angst und Entsetzen, wie Technik den Menschen nicht nur unterstützen, sondern ebenso zerstören kann.

Dies verändert auch die Bedeutung des Wortes Fortschritt.

Technischer Fortschritt ist nicht automatisch menschlicher Fortschritt.

Dieselbe Fähigkeit, die Menschen über Kontinente hinweg miteinander verbindet, kann dazu benutzt werden, Menschen zu überwachen, zu manipulieren, zu bekämpfen oder gar zu töten. Dieselbe technische Intelligenz, die Krankheiten bekämpfen und Wissen vermehren kann, kann auch zur Zerstörung eingesetzt werden. Je größer unsere technischen Möglichkeiten werden, desto größer wird deshalb auch unsere Verantwortung.

Hier liegt die zeitgemäße Antwort auf Herolds Atlas.

Fortschritt kann heute nichts anderes bedeuten, als jede Technik zum Fortschritt zu bringen, die den Menschen beflügelt und wieder Frieden schafft.

Nicht die Technik selbst darf das Ziel sein.

Das Ziel muss der MENSCH sein.

Technik muss Leben ermöglichen, nicht vernichten. Sie muss Menschen verbinden, nicht gegeneinander aufbringen. Sie muss Freiheit erweitern, nicht Angst erzeugen. Sie muss helfen, Wunden zu heilen, anstatt neue Wunden zu schlagen.

Dann bekommen auch „Dampf“ und „Elektrizität“ auf dem Hauptbahnhof eine neue, vielleicht tiefere Bedeutung. Sie stehen nicht mehr einfach für die Beherrschung der Welt durch den Menschen. Sie stehen für die Verantwortung des Menschen gegenüber den Kräften, die er selbst entfesselt hat.

Der Atlas braucht den Menschen

Wir sollten die beiden Kunstwerke deshalb als eine gemeinsame Erzählung lesen.

Atlas sagt: „Wir können die Welt bewegen.“

Dampf und Elektrizität sagen: „Wir können Kräfte schaffen, die uns dabei helfen.“

MENSCH antwortet:

Ja. Aber vergesst nicht, für wen.

Und angesichts der Kriege unserer Zeit fügt sich eine weitere Frage hinzu:

Was machen wir mit der Macht, die wir besitzen?

Denn Technik ist kein Ziel.

Fortschritt ist kein Selbstzweck.

Eine Stadt ist nicht nur Infrastruktur. Sie ist eine Gemeinschaft.

Und ein Stadtteil ist nicht nur ein geografischer Raum. Er ist ein Lebensraum.

Das Bahnhofsviertel als Synthese

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Aufgabe einer neuen Sichtweise des Bahnhofsviertels.

Sie muss beides verbinden, die Welt und den Menschen.

Das Viertel ist Frankfurts Fenster zur Welt. Hier beginnt und endet die Reise. Hier begegnen sich unterschiedliche Kulturen und Lebensentwürfe. Hier zeigt sich die Dynamik einer internationalen Stadt besonders deutlich.

Aber je internationaler, schneller und technischer die Welt wird, desto wichtiger wird der Gegenpol:
Nähe, Würde, Begegnung, Besinnung, Frieden, Liebe und Menschlichkeit.

Der Atlas auf dem Hauptbahnhof könnte deshalb heute eine neue Bedeutung bekommen.

Nicht mehr nur:

Wir beherrschen die Welt mit der Kraft der Technik.

Sondern:

Wir übernehmen gemeinsam Verantwortung für die Welt, die wir mit unserer Technik geschaffen haben.

Und MENSCH wäre darauf die Antwort:

Vergesst bei all diesem Fortschritt niemals den Menschen.

Vielleicht muss die Synthese sogar noch weitergehen:

Der wahre Fortschritt ist jene Technik, die den Menschen beflügelt,
ohne ihn zu zerstören und die Frieden hervorbringt. Wir sollten das Bahnhofsviertel als einen Ort verstehen, an dem sich Atlas und MENSCH begegnen.

Oben auf dem Bahnhof stemmt Atlas die Welt. Auf der Weißfrauenkirche steht MENSCH, dazwischen liegt unser Viertel.

Ein Viertel, das täglich die ganze Welt aufnimmt und gleichzeitig jeden einzelnen Menschen aushalten muss.

Vielleicht ist das des Bahnhofsviertels größte Herausforderung und gleichzeitig eine größte Chance. Denn eine wirklich moderne Stadt wäre dann nicht die Stadt, in der die Technik den Menschen ersetzt.

Eine wirklich moderne Stadt wäre diejenige, in der technischer Fortschritt und menschliche Verantwortung zusammenfinden.

Atlas muss die Welt nicht mehr allein tragen. Dampf und Elektrizität helfen ihm. Doch wir wissen heute, dass dieselben Kräfte, die uns tragen können, uns auch überwältigen können.

Darum braucht Atlas den Menschen. Und der Mensch braucht eine Technik, die ihm dient.

Wer entscheidet, wohin diese Welt getragen wird und für wen,
ist und bleibt unsere Aufgabe.

Die Antwort hat Macke auf unsere Kirche gestellt:

MENSCH

Denn vielleicht ist das die eigentliche Botschaft, die beide Kunstwerke gemeinsam erzählen:

Auch der globale Fortschritt beginnt mit dem MENSCHen.
Er erfüllt sich im MENSCHen.
Und er hat nur dann Zukunft, wenn er dem MENSCHen dient, indem er Leben schützt, MENSCHen verbindet und Frieden schafft.

 

„Für Frauen ist das Bahnhofsviertel
der sicherste Ort Frankfurts!“

Ein Rundgang mit Katharina Wiench durch ihren Alltag rund um den Niddasack

Interviewer: Torsten Weber, 22.05.2026

Katharina Wiench

Katharina Wiench

Redaktion: Hallo Katharina. Schön, dass ich mit Dir in der Sonne sitzen darf. Im Niddasack. Im Mai 2026. Wir sitzen inmitten von Pflanzen vor Deinem Büro auf dem Bürgersteig, und ich freue mich sehr, dass wir gleich unseren Rundgang durch das Bahnhofsviertel von hier aus starten können.

Katharina: Ja, ich freue mich auch schon, mit Dir „meinen alltäglichen Weg durch unser Viertel“ abzugehen.

Redaktion: Traditionell bei all unseren Gesprächen starten wir mit dieser Frage: Warum bist Du im Bahnhofsviertel und nicht woanders?

Katharina: Für mich ist das Bahnhofsviertel der beste Ort in Frankfurt. Bodenständig. Ehrlich. Inspirierend. Überraschend. Alle Extreme auf engstem Raum… das ist das wahre Leben! Ich bin in der Nähe aufgewachsen. Auch damals schon hatte die Stadt Frankfurt und insbesondere das Bahnhofsviertel nicht den besten Ruf. Als ich vor 17 Jahren dann ins Bahnhofsviertel zog, um hier zu leben und zu arbeiten, haben sich die meisten Vorurteile und Klischees schrittweise in Luft aufgelöst.

Redaktion: Bevor wir weiter über das Bahnhofsviertel sprechen, erzähl uns doch bitte kurz, was Du beruflich hier machst.

Katharina: Als Facilitatorin und Mediatorin begleite ich Leadership-Teams aus Wirtschaft und Politik weltweit. Oft lade ich sie auch in unsere Räumlichkeiten hier ein, und manchmal arbeiten wir sogar genau hier, wo wir jetzt gerade sitzen. Auf dem Bürgersteig im Niddasack.

Redaktion: Genau hier?? Gewisse Kreise bezeichnen das hier doch gern als „schlimmsten Angst-Raum Deutschlands“, der gefährlich für Menschen von außen sei. Hast Du keine Angst hier?

Katharina: Nein, ich selbst hatte in den letzten 17 Jahren nicht einen Moment, in dem ich Angst verspürte. Und ich laufe tagsüber und nachts über den Karlsplatz und die Niddastraße. Im Gegenteil: Hier ist es immer hell und belebt. Und es gibt einen quasi-dörflichen Zusammenhalt, wo man aufeinander aufpasst. Als ich letztes Jahr für ein paar Monate auf Krücken gehen musste, war die Hilfsbereitschaft im Bahnhofsviertel höher als anderswo.

Redaktion: Aber wo kommt dieses Angst-Narrativ dann her?

Katharina: Vermutlich ist das wie in ganz Deutschland: Die Kriminalitätsstatistiken zeigen Rückgänge in den meisten Bereichen. Die Fakten sind also das Eine, und daher spricht man mittlerweile ja ganz offen von „gefühlter Unsicherheit“ und „Angst“. Und die kann man bequem und faktenfrei herbeireden.

Redaktion: Aber würdest Du sagen, das Unwohlsein von manchen Menschen hier ist völlig unbegründet?

Katharina: Corona und Home Office haben uns ganz offenbar von den alltäglichen Zumutungen einer offenen Gesellschaft entwöhnt. Die meisten treffen außerhalb des Bahnhofsviertels auf niemanden mehr, der anders ist als sie selbst. Natürlich sieht man hier Dinge, die man woanders so nicht sieht. Elend und Krankheit. Drogenkonsumierende, die auf engstem Raum zusammengedrängt sind, denen es offenbar schlechter als einem selbst geht. Das können viele Menschen nicht einordnen. Ich verstehe, dass man dann Schuldgefühle, Überforderung und vielleicht sogar Ekel empfinden kann. Als Bürgerin in einer demokratisch-freiheitlichen Grundordnung ist es aber meine ureigene Verantwortung, diese Zumutungen klar von Gefahr und Angst zu trennen.

Redaktion: Ok, Du sprichst hier von Wahrnehmung. You-Tube-Influencer:innen behaupten, Tourist:innen würden hier von Drogenkonsumierenden körperlich attackiert.

Katharina: Das Einzige, was hier passieren kann, ist, dass Menschen unter Drogeneinfluss mal schreien oder ungewohnte Bewegungen machen. Oder dass man mal nach einer Zigarette oder Geld gefragt wird.

Redaktion: Bei Frauen soll das häufiger passieren.

Katharina: Nach meiner Erfahrung sind solche Situationen bei Frauen seltener als bei Männern. Ich würde sogar sagen, dass das Bahnhofsviertel für Frauen grundsätzlich der sicherste Ort Frankfurts ist. Natürlich sollte man sich wie überall auf der Welt mit offenen Augen und Ohren durch Gegenden bewegen, die man nicht so gut kennt. Wenn ich auf dem Bürgersteig vor mir eine Gruppe sehe, die aggressiv wirkt, ob sie auf Drogen sind oder nicht, dann wechsle ich halt frühzeitig die Straßenseite oder laufe ein Stück auf der Straße. Es gibt andere Orte, die ich eher meide: Das Westend z.B., wenn es abends dunkel und unbelebt ist.

Redaktion: Anderes Thema: Was sagst Du zum Thema Vermüllung?

Katharina: Das ist in der Tat das wirkliche Problem hier! Als Radfahrerin stören mich der Müll und der massive Glasbruch. Vor allem von Freitag bis Montag, wenn die „Party People“ durch unser Viertel gezogen sind. Als ich zuletzt eine junge Frau ansprach, weil sie ihr Aperol-Spritz-Glas einfach auf den Boden hatte fallen lassen, antwortete sie: „Dafür gibt es doch Leute, die das wegmachen.“

Redaktion: Was ist mit dem Müll der Drogenkonsumierenden?

Katharina: Ja, das könnte man besser organisieren. Seit Jahrzehnten kennen wie die Empirie rund um „Broken Windows“ und „Garbage Increase“: Wenn die Straße erst mal vermüllt ist, dann schmeißen alle noch mehr drauf. Der Müll trägt übrigens auch massiv zu den vorhin beschriebenen Gefühlen von Ekel und Verunsicherung bei. Wenn es sauberer ist, fühlt man sich im öffentlichen Raum einfach besser. Wir Nachbarinnen und Nachbarn schnappen uns daher bei Bedarf auch einfach mal einen Besen und kehren auch selbst vor unserer Tür und warten nicht auf die FES, die im Übrigen einen ziemlich guten Job hier macht. Und die meisten Drogenkonsumierenden wissen das auch zu schätzen. Von denen hören wir immer häufiger: „Seit ich weiß, dass Ihr hier quasi wohnt, schmeiße ich hier keinen Müll mehr auf die Straße. Das wäre ja asozial.“

Redaktion: Lass uns zu unserem Rundgang starten. Wo möchtest Du mit mir hingehen?

Katharina: Wir laufen erst mal vom Niddasack durch die Unterführung zur Düsseldorfer Straße.

Katharina Wiench und Torsten Weber

Katharina Wiench, interviewt von Torsten Weber

Redaktion: Für die Menschen, die nicht hier wohnen oder leben: Das ist der Ort, auf dem man stößt, wenn man aus dem Nordausgang des Hauptbahnhofs kommt. Hierüber wird viel in der Presse geschrieben, da hier immer Drogen-Dealer stehen. Genau dort stehen wir jetzt. Und Du bist hier ja jeden Tag mehrmals…

Katharina: Ja, das ist mein Kiez. Gegenüber ist mein Lieblings-Blumenladen. Seit mehr als 20 Jahren an diesem Platz. Geführt von einer sehr netten Dame. Daneben ein kleiner äthiopischer Laden, in dem ich gerne eine Kaffee-Spezialität der Ladenbesitzerin trinke. Jetzt gerade stehen neben uns zwei junge Frauen, die sich entspannt unterhalten. Und auf der anderen Seite, vor dem Hoteleingang, steht eine Großfamilie mit Kleinkind. Sie lachen. Und einige Passanten, die jetzt auch die Sonne genießen, so wie wir. Und natürlich stehen gerade auch Drogendealer neben uns. Ehrlicherweise ziemlich diskret. Wir teilen uns hier den öffentlichen Raum.

Redaktion: Wohin entführst Du mich jetzt?

Katharina: Ich nehme Dich mit durch die Taunusstraße. Hier gehe ich oft etwas zu Mittag essen oder in einen der kleinen Tante-Emma-Läden, also in der Frankfurt-Variante. Und dann gehen wir noch ein Stück weiter, komm einfach mit…

Redaktion: So, jetzt sind wir in die Elbestraße eingebogen und stehen vor einer neuen öffentlichen Toiletten-Anlage.

Katharina: Ich will Dir dies als Beispiel zeigen, da wir im Niddasack seit Jahren vergeblich eine intelligent gemachte Toiletten-Anlage fordern. Aktuell ist der Bürgersteig gegenüber von uns die größte Pinkel-Ecke Frankfurts. Bei unseren Veranstaltungen vor der Tür ist der Urin-Gestank manchmal sehr unangenehm. Genauso wie in unserem Innenhof, den Frauen regelmäßig als Pinkel-Ort verwenden.

Redaktion: Warum sind öffentliche Toiletten so ein schwieriges Thema?

Katharina: Ja, das ist schwer zu verstehen. Offiziell heißt es, eine Toiletten-Anlage sei eine Art „Pull-Faktor“, der Pinkelnde anzieht. Das ist vor dem Hintergrund der Fakten natürlich abenteuerlich. Hinter vorgehaltener Hand hören wir, dass die Immobilien-Lobby nicht wolle, dass die Situation verbessert würde, weil sie dann gegenüber der Stadt und der Öffentlichkeit nicht mehr die Drohkulisse eines Zombie-Viertels aufbauen könnten, um es dann abreißen zu können.

Francois-Mitterand-Platz

Francois-Mitterand-Platz

Redaktion: Mittlerweile sind wir übrigens am Francois-Mitterrand-Platz angekommen. Warum wolltest Du hierherkommen?

Katharina: Es gibt in Frankfurt wohl keinen grauenhafteren Ort als diesen. Man hat aus Angst vor Wohnungslosen, Drogenkonsumierenden und möglichen Drogenverstecken einen menschenfeindlichen Ort geschaffen. Niemand will sich hier freiwillig aufhalten. Kein lebendiges Grün, die wenigen Bäume quasi in Metall verpackt, viel zu heiß im Sommer. Kalte und harte Atmosphäre. Und jetzt wundert man sich, dass sich dort heute – wenn überhaupt – nur Wohnungslose und Drogenkonsumierende aufhalten. Alle Experten und Expertinnen, die sich mit Sozialräumen auskennen, haben das damals genauso vorhergesagt.

Redaktion: Offiziell heißt das dann „defensive Architektur“. Ich verstehe, dass Du frustriert bist. Schließlich sind die Ideen von Dir und der Nachbarschaft seinerzeit nicht berücksichtigt worden.

Katharina: Vielleicht bin ich eher ernüchtert, dass wir als Gesellschaft nicht wie beim Schach mal 3 Schritte vorausdenken können: Einen Platz mit hoher Aufenthaltsqualität zu schaffen braucht nur etwas Mut und eine kluge Einbindung der Nachbarschaft.

Redaktion: Es ist ärgerlich und zugleich irgendwie tragisch, dass genau jene, die damals diese Platzgestaltung befürworteten, sich jetzt über die Hässlichkeit dieses Platzes beschweren. Du bist Ökonomin. Wie erklärst Du Dir das? Gut gemeint ist nicht gut gemacht?

Katharina: Ob es damals gut gemeint war, weiß ich nicht. Aber wenn wir aus der Nachbarschaft damals von Stadtteil-Entwicklung für die nächsten Jahrzehnte sprachen, sagten uns die Immobilien-Fonds und ihre Projektentwicklung beim Kaffee, dass ihr Zeithorizont nicht länger als 3-5 Jahre sei. Offenbar fällt deren Kurzfrist-Fokus ihnen jetzt selbst auf die Füße, wenn der hässliche Platz höhere Miet- oder Verkaufsrenditen verhindert.

Bei der Metzgerei Stürmer

Bei der Metzgerei Stürmer

Redaktion: Du hast mich jetzt zur Metzgerei Stürmer geführt, wo Du häufig zu Mittag isst. An der Ecke Niddastraße/Elbestraße. Auf der einen Seite die Laufhäuser, auf der anderen Seite der Straßenabschnitt vor dem Drogenkonsumraum, wo Drogenkonsumierende auf der Straße liegen, sitzen und stehen. Während wir Seelachs mit Kartoffelsalat essen, würde ich mit Dir gerne über den „Öffentlichen Raum“ an sich sprechen, also über jenen Bereich einer pluralistischen Gesellschaft, der eben nicht privatisiert ist. Ich höre immer häufiger auch aus der vermeintlichen Mitte der Gesellschaft, dass Menschen, die hier auf dem Bürgersteig sitzen, einfach in ein Reservat am Stadtrand deportiert werden sollten.

Katharina: Wer entscheidet darüber, wer sich im öffentlichen Raum aufhalten darf und wer nicht? Wir beide saßen vorhin auch auf dem Bürgersteig vor unserem Haus.

Redaktion: Aber die Polizei muss doch irgendwie Ordnung herstellen…

Katharina: … aber nicht so! Vorhin sind wir ja auch an einer Polizeikontrolle vorbeigekommen: Ein kleines verschrecktes Männchen und davor 2 Polizeiwagen mit 10 Schwerbewaffneten. Das ist völlig unangemessen.

Redaktion: Nun heißt es aber von Seiten der Politik, dass die Bürger und Bürgerinnen mehr gefühlte Sicherheit haben wollen würden. Und die würde durch massivste Polizeipräsenz erreicht. Was ist mit Deiner gefühlten Sicherheit?

Katharina: Zu meinem Sicherheitsgefühl im Bahnhofsviertel habe ich vorhin schon alles gesagt. Aber wenn langjährige Stammkunden zu uns kommen, berichten sie, dass das riesige Polizeiaufgebot vor unserer Tür ihre gefühlte Sicherheit verringern würde. „Wenn Ihr so etwas hier braucht, ist es ja vielleicht doch so schlimm, wie es heißt?“ Die Angst vor der Angst hat also Angst geboren.

Redaktion: Hast Du dennoch eine positive Botschaft für uns zum Abschluss?

Katharina: Absolut. Dieses Viertel ist jeden Tag eine Quelle positiver Geschichten und Schule des Lebens. Ich erlebe viel Freundlichkeit und Respekt. Vielleicht gilt auch hier: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus!

Redaktion: Vielen Dank, Katharina, für den Rundgang durch Deinen Alltag und das informative Gespräch.

Katharina: Ich möchte mich bei Euch bedanken. Es ist großartig, dass durch Eure Initiative Menschen aus dem Bahnhofsviertel, die hier schon lange leben und arbeiten, eine Stimme bekommen.

Katharina Wiench in der Moselstraße

In der Moselstraße

„Sich verletzlich zu zeigen,
ohne sich zu entwürdigen!“

Ein Doppel-Interview mit Thomas Holz und Oskar Mahler über eine süchtige Gesellschaft, die sich im Bahnhofsviertel erkennt und erschrickt

Interviewer: Torsten Weber & Andreas Döring, 18.05.2026

Thomas Holz und Oskar Mahler

Thomas Holz und Oskar Mahler

Redaktion (Andreas + Torsten): Wir freuen uns sehr, dass Ihr beide, Oskar und Thomas, heute hier seid. Es wird ein besonderes Gespräch, weil wir mit Euch beiden heute eine kleine Tour machen wollen. Eine Tour durch Eure Vergangenheit, durch Eure Erinnerungen, durch Eure Gedanken und mit Euren Reflexionen, wie Ihr das Bahnhofsviertel persönlich erlebt habt. Zwar seid Ihr sehr unterschiedliche Menschen, aber Ihr habt beide gemein, dass Ihr lang im Bahnhofsviertel gearbeitet habt. Thomas, Du arbeitest bis 2019 für 19 Jahre in einer Drogenhilfe-Einrichtung, und Du, Oskar, hast in den letzten 25 Jahren verschiedene Rollen hier im Viertel gehabt. U.a. warst Du Stadtteilbildhauer.
Warum seid Ihr irgendwann einmal ins Bahnhofsviertel gekommen? Und warum nicht woanders hin?

Thomas: Also so ein bisschen durch mein Studium bedingt, aber auch persönlich biografisch. Randgruppierungen und Sub-Kulturen haben mich schon immer ziemlich fasziniert. Und ich finde, das Bahnhofsviertel ist ein Mikrokosmos, in dem ganz eigene, Werte gelten, in der die Währung Geld zum Beispiel auch nur eine nebensächliche Rolle spielt, weil alles in Gramm und Mikrogramm umgerechnet wird. Das hat auf mich einfach eine große Faszination ausgeübt, auch weil ich viel über mich selber hier lernen konnte. Hier im Bahnhofsviertel ist alles so überzeichnet. Auf eine Art überdeutlich. Hier passieren Sachen, die passieren auch überall anders, auch in jeder Familie, in jeder Beziehung. Aber hier werden sie halt so heruntergebrochen auf das Wesentliche, so dass man viel daraus lernen kann.

Oskar: Ich komme familiär eigentlich vom Land, aber als 17-Jähriger bin hier vom Hauptbahnhof aus in mein Erwachsenenleben gestartet. Ich bin von hier aus mit 17 nach Paris und kam aber wieder hierher zurück. Dann bin ich von hier aus nach London, bin wieder hierher zurück. Und von hier aus nach Belfast und auch wieder zurück. Das Bahnhofsviertel hat mich immer wieder gepackt und einfach festgehalten bis heute. Ich könnte mir keinen anderen Ort vorstellen, an dem ich lieber arbeiten würde als hier.

Redaktion: Thomas, seit 7 Jahren bist Du nicht mehr jeden Tag im Bahnhofsviertel. Was fehlt Dir?

Thomas: Diese Rauhheit, diese Deutlichkeit, die du hier erlebst. Schmutz und Dreck, aber auch diese ganzen Leuchtfassaden. Hier werden die Sachen einfach runtergebrochen auf das Wesentliche. Das vermisse ich schon. Heute sitze ich in vielen Gremien, wo durchaus eine gewisse Unehrlichkeit vorherrscht.

Redaktion: Lass uns also über die Ehrlichkeit im Bahnhofsviertel sprechen. Auch ich finde, dass hier alles, was in der Menschheit existiert, verdichteter und extremer hochpoppt. Und weil das ja gerade Menschlichkeit und Menschsein ausmacht, empfinde ich das Bahnhofsviertel sogar als schön. Wenn ich das anderen Menschen erzähle, ernte ich für diese Aussage allerdings Unverständnis…

Thomas: … ja, ja, das kenne ich.

Redaktion: Lasst uns das kurz explorieren. Woran liegt es, dass unsere Gesellschaft so fremdelt mit dem Bahnhofsviertel?

Thomas: Das ist vermutlich Selbstschutz. Ich glaube, das Bahnhofsviertel dient für viele Menschen auch dazu, sich selbst abzugrenzen und auch Sachen vor sich selbst zu verstecken. Die Menschen, die auf der Straße leben, haben vermutlich deswegen einen so schlechten Ruf, weil viele Menschen durch sie sogar an die verdrängten Seiten in sich selbst erinnert werden. Und die will natürlich keiner sehen.

Oskar: Ich glaube, man kann es auch noch auf eine andere Ebene heben, nämlich auf eine gesellschaftliche. Ich empfinde unsere Gesellschaft als zutiefst süchtig. Alles muss immer größer werden, immer besser. Und jeder will immer mehr haben und zerstört sich letzten Endes selbst. Und das sehen wir in den Süchtigen auch. Und auch aus meiner eigenen Suchterfahrung sehe ich, wie Sucht funktioniert, was Sucht mit Gesellschaft und Mitmenschen macht. Und deshalb bin ich sehr gerne hier im Bahnhofsviertel, wo ich auch was gestalten kann oder vielleicht anderen raushelfen kann.

Redaktion: Meine Frau (AD) ist Anwältin. Vor vielen Jahren war sie in einer Großkanzlei und wusste, wer da Kokain verkauft in der Kanzlei. Und da wurde mir klar, dass die Sucht überall ist. Und in gewissem Sinn habe ich weniger Probleme mit den Leuten hier auf der Straße, wo es so direkt und unmittelbar ist als mit denen, die es verstecken und die auf andere Weise Schaden anrichten, weil sie ganz andere gesellschaftliche Positionen haben. Könnte es vielleicht sein, dass sich die Süchtigkeit der Gesamtgesellschaft sogar mehr verändert hat als die Süchtigkeit im Bahnhofsviertel selbst?

Thomas: Klar, es gibt die Definition der WHO. Ich finde aber, dass Sucht, auch wenn der Wortstamm ein anderer ist, vom Begriff „Suchen“ kommt. Die Gesellschaft verliert zunehmend die Orientierung und fühlt ihre Mängel, die sie irgendwie ausgleichen will. Und das macht sie suchtgefährdeter. Spannend finde ich übrigens, dass im Bahnhofsviertel heute eher Aufputschmittel angesagt sind und nicht mehr Beruhigungsmittel wie früher.

Oskar: Ich könnte nicht beantworten, ob die Gesellschaft süchtiger geworden ist. Die Sucht ändert immer wieder ihr Erscheinungsbild. So wie jetzt bei einer Handy-Sucht. Die Grundstruktur ist aber, glaube ich, immer dieselbe.

Thomas Holz

Thomas Holz

Redaktion: Bei allem, was gleich geblieben ist hier im Viertel: Was hat sich geändert in den letzten 20 bis 30 Jahren?

Thomas: Das Tempo ist schneller geworden. Sowohl der Konsum als auch die Leute, die hier durchs Viertel gehen. Als ich angefangen habe zu arbeiten, war Heroin noch ganz klar DIE Droge. Heute ist es Kokain oder Crack. Das hat die Arbeit als Sozialarbeiter völlig verändert. Mit den Leuten, die Heroin genommen haben, konntest Du entspannt auch mal aufs Amt gehen oder irgendwas auf die Beine stellen. Irgendwas Zielführendes. Jetzt ist das schwierig, weil die Crack-Konsumierenden entweder gerade im Rausch sind oder eben auf der Suche nach dem nächsten Stein oder irgendeinem Zwischenstadium, wo sie Angst davor haben, gleich den nächsten Stein suchen zu müssen. Diese Kokain-Gier kommt immer dazwischen. Und zum anderen hat es die Beschaffungsdynamik völlig verändert. Früher hat hier keiner die Goldkette vom Hals gerissen bekommen, oder es wurde nicht wegen 5 € irgendwie ein Messer gezogen. Wenn man eine Crack-Dosis für 2, 3, 4 € kaufen kann, dann sind halt auch 5 € plötzlich was wert. Ein Zug, den ich an der Pfeife haben kann. Das ist ein ganz anderes Tempo.

Redaktion: In der Öffentlichkeit sprechen alle über Crack – auch Leute, die eigentlich keine Ahnung von der Materie haben. Ihr beide dagegen habt viel Ahnung. Und Ihr seid auch institutionell frei. Was können wir als Gesellschaft und Institutionen tun, um mit diesem Thema schlau umzugehen?

Thomas: Auf jeden Fall keine ideologischen Scheren im Kopf haben. Die Schweiz war ja schon immer Vorreiter und versucht jetzt Crack mit Amphetamin ein bisschen zu substituieren und gleichzeitig eine Original-Stoff-Vergabe zu etablieren. Also dass die Leute langanhaltende Amphetamine konsumieren, um diesen generellen Druck ein bisschen zu mindern und dann aber auch noch das Kokain anbieten. Das wäre auch für Frankfurt empfehlenswert. Es ideologisch auszuschließen, ist wissenschaftsfeindlich. Die Schweizer Gesundheitsministerin hat mal gesagt, dass man so ein ernsthaftes Thema wie Sucht und Abhängigkeit nicht dem Schwarzmarkt überlassen dürfe.

Redaktion: Gerade erleben wir allerdings in Deutschland und auch im Rest der Welt eine Renaissance der Repression. Und selbst punktuelle Legalisierung gilt hier als das Böse schlechthin. Wie könnten wir denn unsere Scheren im Kopf ideologiefrei ausrichten?

Thomas: Ich habe Verständnis dafür, dass Menschen die Sorge haben, dass eine Legalisierung alles schlimmer macht, dass man damit Kontrolle aufgibt. Aber da muss man halt 3 Schritte weiter und um die Ecke denken.

Oskar: Die Menschen sind, wie sie sind. Und ich kann sie nicht ändern. Ich kann sie nur liebhaben, so wie sie sind. Vielleicht würde es helfen, wenn wir die Liebe zu den Leuten, die hier im Bahnhofsviertel als Süchtige auf der Straße sitzen, einfach weiterentwickeln.

Redaktion: Ich finde es schön, dass du diese Liebe in Dir trägst. Auch ich kann meine eigene Arbeit nur tun, weil ich eine Liebe für die Menschen in mir trage, mit denen ich arbeite. Dennoch werden viele Menschen uns jetzt zurufen, dass sie diese Menschen, die da jetzt auf der Straße rumliegen, einfach nicht lieben können.

Oskar: Ich glaube, das ist so ein allgemeines Gefühl, ob man Menschen liebt oder nicht. Ich unterteile die gar nicht in Menschen, die ich liebe und Menschen, die ich nicht liebe, sondern ich habe einfach ein insgesamt liebevolles Gefühl für meine Menschen um mich herum. Ob jetzt süchtig sind oder nicht, ist ganz egal. Mir hilft es, dass ich selbst seit 25 Jahren trocken und clean bin.

Thomas: Also überall, wo ich sehe, dass Menschen andere Menschen verändern wollen, beobachte ich das Scheitern. Man kann mit Menschen umgehen, indem man sie so nimmt, wie sie sind. Es gibt einfach keine anderen Menschen.

Oskar: Ich versuche einfach, irgendwie das Beste in den Leuten zu sehen und zu fördern. Ich hatte letzte Woche ein Gespräch mit einem Süchtigen, den ich mittlerweile ganz gut kenne und der war drei Monate im Knast. Ich hatte ihn gesucht. Und auch vermisst. Ich habe die Streetworker gefragt. Ich habe in den Drogeneinrichtungen gefragt. Habt ihr ihn gesehen? Letzte Woche sagte ich ihm, dass ich mir Sorgen um ihn gemacht hätte und dass er mir sehr am Herzen liegen würde. Er sagte dann, dass er das gar nicht mehr gewöhnt wäre. Es hat uns beide sehr bewegt. Das heißt, einfach die Gefühle rauszulassen. Mit Menschen umzugehen und sie so zu nehmen, wie sie sind, anstatt sie ändern zu wollen. Das macht den Unterschied.

Thomas: Wir haben auch jemanden vermisst, der lange nicht mehr da war. Ein Jahr? Zwei Jahre? Keine Ahnung. Er war nicht da. Und auf einmal stand er wieder mit einer Crackpfeife bei uns im Flur in der Elbestraße. Wir sagten, dass wir uns viel Gedanken um ihn gemacht hätten. Aber er reagierte total zynisch. Da habe ich mich hinterfragen müssen. War mein Mitgefühl ehrlich oder nur Sozialarbeitersprech? Ich habe die Frage für mich beantworten können. Aber seither achte ich noch mehr darauf, dass ich immer authentisch bin.
Redaktion: Hier im Bahnhofsviertel stehen auch viele Banken-Türme: Könnte es sein, dass es in den Banken teilweise ähnlich ist wie auf der Straße im Bahnhofsviertel? Dass man auch dort die Menschen verändern will? Und sie nicht nimmt, wie sie sind? Dass die Entfremdung von uns als Menschen auch dort zugenommen hat? Vielleicht sprechen Sozialarbeiter:innen nur das aus, was sich Banker:innen nicht trauen…

Oskar: Wir sind näher dran. Wir sind mittendrin.

Thomas: In so einem Glaskasten kann man davonlaufen. Vor sich selbst auf der Straße geht das nicht.

Oskar: In der Bank kannst du dich vielleicht besser vor dir selbst verstecken. Hinter einem Porsche oder hinter einer Villa.

Thomas: Ich habe gerade einen Gedanken. Es ist relativ leicht zu sagen, wir müssen die Menschen nehmen, wie sie sind, und wir sollten nicht versuchen, sie zu ändern. Gleichzeitig haben wir eine Gesellschaft, die einem fortlaufend suggeriert, Du musst Dich entwickeln, Du musst besser werden in jeder Beziehung, sei es finanziell, sei es spirituell, sei es gesellschaftlich oder was Statusfragen angeht. Und wenn Du selbst ständig das Gefühl hast, dass Du nicht genügst, dann ist es natürlich auch viel schwieriger, großzügig zu sein zu anderen.

Oskar: Ja, Selbstliebe und andere zu lieben, das ist absolut verknüpft. Das ist vielleicht auch, was ich hier gelernt habe. Ich kann anderen Leuten nur einen Weg geben oder was vorleben, wenn ich auch hinter meinem eigenen Leben stehe.

Thomas: Um den Bogen zu schlagen: Ja, die Gesellschaft ist irgendwie süchtiger geworden. Du kriegst ja mittlerweile auch für alles ein Produkt angeboten, was dich glücklicher, spiritueller, hübscher, ausdauernder oder was auch immer irgendwie macht.

Redaktion: Ein spannendes Zwischenfazit. Wir alle sind einen Tick süchtig, sehen aber nur die Sucht der anderen. Sind mit uns selbst nicht im Reinen und können daher auch nicht großzügig gegenüber anderen sein. Oskar, Du hast vorhin von der Liebe als Schlüssel gesprochen. Hast Du selbst im Bahnhofsviertel schon Liebe durch andere gespürt?

Oskar: Wenn ich drei Wochen in Urlaub bin, freuen sich viele richtiggehend, dass ich wieder da bin. Und ich merke erst jetzt durch dieses Gespräch, dass das Thema Liebe sehr zentral ist. Ich hätte mich vor dem Gespräch nicht getraut, das so zu sagen. Ich bin ein liebevoller Mensch und ich kann das hier anwenden. Und ich kann das hier fühlen im Umgang mit Menschen. Ob das jetzt Leute sind, die süchtig sind oder ob es Leute sind, die mit denen nichts zu tun haben. Es ist aber das tragende Moment, die Liebe selbst.

Thomas: Menschenliebe ist total wichtig. Aber ich würde es vielleicht eher als Respekt bezeichnen. Ich habe einfach einen ganz großen Respekt vor anderen Menschen. Ich möchte andere Grenzen akzeptieren. Ich möchte andere Wahrheiten anerkennen können, ohne mich dadurch bedroht zu fühlen. Ich glaube, dass ich in meiner Arbeit dadurch auch viel zurückbekommen habe, weil die Leute mich auch mit einer gewissen Ehrlichkeit und Respekt behandelt haben. Ich habe wenig körperliche Angriffe und auch nur wenig Bedrohungsszenarien erlebt. Auch wenn ich Leuten ein Hausverbot aussprechen musste, habe ich das immer mit einem gewissen Respekt getan, und die meisten haben das dann auch entsprechend mit Respekt angenommen. Ich muss nicht alles und jeden lieben, aber ich muss auf jeden Fall und gerade vor den Leuten hier einen gewissen Respekt haben, weil die jeden Tag um ihre Würde kämpfen.

Redaktion: Ich höre von vielen Menschen hier, dass sie mit viel Idealismus herkamen und dann lernen mussten, sich abzugrenzen und ein richtiges Maß von Selbstschutz finden. Wie war das für Euch?

Thomas: Ja, das war auch für mich ein Lernprozess, weil man halt schon dann denkt, ich will denen doch was Gutes tun, und ist dann total enttäuscht, wenn das nicht zum gewünschten Ergebnis führt oder man dabei auch noch ausgenutzt wird. Bei vielen Kollegen habe ich gesehen, wie sie dann zynisch wurden. Die haben dann gar nichts mehr an sich rangelassen und nur noch Dienst nach Vorschrift gemacht. Und das wollte ich nicht. Ich habe versucht, einen Mittelweg zu finden: Verletzlich zu sein und sich verletzlich zu zeigen, ohne sich zu entwürdigen. Und es dem anderen eben auch so zurück zu spiegeln, dass er auch verletzlich sein darf. Das war ein harter Lernprozess, der ein paar Jahre gedauert hat.

Oskar: Vielleicht hat es mir geholfen, dass ich so viel älter bin als Du. Als ich hier anfing, war ich mir meiner Grenzen schon sehr bewusst. Wie nahe lasse ich jemanden an mich ran? Jemanden zu lieben heißt ja nicht, mit ihm zu verschmelzen und sein Problem zu meinem Problem zu machen, sondern sein Problem zu sehen, wahrzunehmen und ihm einfach mit Respekt zu begegnen. Für mich sind Respekt und Liebe nicht zwei verschiedene Dinge, sondern gehören zusammen.

Thomas: Ja, ich glaube, ich war 21, als ich hier angefangen habe. Da bin ich schon auch öfters mal auf die Nase gefallen.

Oskar Mahler

Oskar Mahler

Wenn es das Bahnhofsviertel nicht gäbe…

Thomas: … hätte ich mich nicht so weit entwickelt, wie ich es getan habe. Ich wäre viel naiver. Ich hätte viel mehr blinde Flecken.

Oskar: … hätte Frankfurt sein Herz verloren. Für mich ist das Bahnhofsviertel das Herz der Stadt. Hier kommen die Leute rein und von hier fahren sie wieder weg. Das Pulsieren füllt die Stadt mit Leben.

Redaktion: Wer oder was wird im Bahnhofsviertel zu wenig gehört?

Thomas: Vielleicht tatsächlich die ganz kleinen Streifenbeamten, die ihren Dienst machen. Ich finde, die werden viel zu wenig gehört. Denen wird die Stimme genommen von den Polizeipräsidenten. Die kommen immer hierher und sagen, wir machen das jetzt so und so mit dem Bahnhofsviertel. Aber wenn man sich die Beamten anguckt, die diesen Alltag hier erleben und den Schmutz sehen und die Abgründe erleben, dann glaube ich, es wäre gut, jene sprechen zu lassen. Ohne Maulkorb und ohne Filter. Die wissen sehr klar, was Sache ist. Die Polizei ist in unserer Gesellschaft eine wichtige Stimme. Aber Polizeipräsidenten sind von den Innenministern eingesetzt, und die haben eine politische Agenda. Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. Polizisten stehen in einem Spannungsfeld, weil sie von der Gesellschaft eine Aufgabe übertragen bekommen haben, die sie eigentlich gar nicht erfüllen können. Es geht hier schließlich mehr um Gesundheit und Sozialpolitik und weniger um Strafrecht.

Oskar: Man merkt es den Polizisten auch an, dass sie hier durch eine Schule gehen. Das Viertel schult die Realität. Außer sie werden zynisch.

Thomas: Manche werden noch härter, noch rigider. Aber die meisten, die hier länger sind, entwickeln eine andere Sichtweise.

Redaktion: Auf Basis Eurer langjährigen Erfahrung: Welche Ratschläge würdet Ihr uns als demokratischem Gemeinwesen geben? Oder mit welchen Gedanken sollten wir zumindest den aktuellen Diskurs rund um das Bahnhofsviertel anreichern?

Oskar: Mir wird gerade erst bewusst, dass unsere Gesellschaft auch süchtig ist nach schlechten Nachrichten. Guten Nachrichten dagegen geben wir zu wenig Gewicht.

Thomas: Man sollte sich auf keinen Fall über eine Stigmatisierung der Menschen profilieren, die hier im Elend leben. Es sind die schwächsten Glieder unserer Gesellschaft. Eine solche politische Agenda ist Missbrauch.

Redaktion: Zum Abschluss unseres Gesprächs: Was ist Euer eigener Beitrag, damit Euer jeweiliger Wunsch für das Bahnhofsviertel Wirklichkeit wird?

Thomas: Hier im Bahnhofsviertel bin ich nicht mehr aktiv, aber im akademischen Kontext bringe ich mich noch in diversen Arbeitsgemeinschaften usw. Fortbildungen ein.

Oskar: Für mich ist das Wichtige das Dranbleiben. Sehr viele Leute um mich herum sind verschwunden im Laufe der Zeit. Aber ich will dranbleiben an der Wahrnehmung und an der eigenen Selbsteinschätzung.

Thomas: Ich möchte meine Haltung nicht an den Nagel zu hängen, weil es jetzt nicht mehr en vogue ist!

Redaktion: Ein schönes Schlusswort. Vielen Dank Euch beiden für die offene Reflektion.

Thomas: Ja, danke Euch. Das war aufregend.

Oskar: Und es hat Spaß gemacht.

Redaktion: Es freut uns, wenn solche Gespräche etwas in uns allen triggern, was zwar schon in uns war, dessen wir uns vorher aber nicht voll bewusst waren.

Das Frankfurter Bahnhofsviertel:

Eine großartige Schule für Bürger:innen

Torsten Weber, 07.10.2024

Thomas Holz und Oskar Mahler

Blick in die Kaiserstraße, Frankfurt Bahnhofsviertel

Die Differenz der Wahrnehmung wird immer größer: Auf der einen Seite wir, die wir unser Bahnhofsviertel lieben, den fast dörflichen Zusammenhalt, alle Extreme unserer Gesellschaft auf engstem Raum, die Freuden und Zumutungen von Vielfalt. Auf der anderen Seite die Medien, die – getrieben von Klick-Zahlen und potenten Lobby-Gruppen – von der „schlimmsten Drogenhölle Europas“ (BILD) sprechen, von „Frankfurts offene Wunde: Das Bahnhofsviertel der Schande“ (FAZ), von der „einzigen Stadt, die es nicht hinkriegt, das Problem zu managen“ (SZ).

Wir beschlossen, die Wirklichkeit wirklich zu erleben und verlegten unseren Arbeitsplatz von Anfang Juli bis Mitte September auf den Bürgersteig vor unserem Europahaus. In den Niddasack, also in den Mini-Kiez im Bahnhofsviertel, der von Auswärtigen aktuell gern als „größter Angstraum Deutschlands“ stigmatisiert wird. Wir waren dort jeden Tag für ein paar Stunden. Werktags und am Wochenende. Manchmal am späten Abend. Allein. Und im Dialog mit unseren Freund:innen, Geschäftspartner:innen und Kund:innen. Mit all unseren Nachbar:innen (Drogen-Konsumierende, Wohnungslose, Gäste der benachbarten Hotels und Bars). Mit jenen, die zufällig vorbei liefen. Und mit den Teilnehmenden unserer beiden Outdoor-Salons. Einige erklärten uns für verrückt. Andere sahen eine „soziale Intervention“ oder „behutsame Aktions-Kunst“.

Unser eigenes Fazit: Obwohl wir schon seit Jahrzehnten im „Magischen Viereck“ (so nennen wir unseren Niddasack) leben und arbeiten, haben wir es in diesen 10 Wochen noch mal neu kennen und lieben gelernt. Denn natürlich kann man das Bahnhofsviertel nur spüren und verstehen, wenn man sich länger draußen im öffentlichen Raum aufhält! Das Bahnhofsviertel (und v.a. unser „Magisches Viereck“) ist letztlich…

… inspirierende Vielfalt und Zumutung  zugleich!
… ein zugleich offener und abgegrenzter Raum, der wichtige Aufgaben (quasi als Dienstleistung) für die gesamte Stadt Frankfurt (und darüber hinaus) übernimmt!
… ein transkulturelles Labor, in dem wir viel über die Gereiztheit, die Transformations-Kompetenz und die soziale Nachhaltigkeit unserer Gesellschaft lernen können!
… auch eine Schule für Bürger:innen  in einer freiheitlich-pluralistischen Demokratie!

Wir danken allen, die sich auf uns eingelassen haben und mit uns ihre Geschichten, Gedanken, Fragen und Antworten geteilt haben. Alle anderen von Euch laden wir auch in Zukunft zu uns in unser Viertel ein: Trainiert Eure Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und Eure anderen „Citizen Skills“. Herzlich Willkommen in unserem „Magischen Viereck“! 😊

Das „Magische Viereck“ des Bahnhofsviertels

Torsten Weber, 05.08.2024

Thomas Holz und Oskar Mahler

Das „Magische Viereck“, der Niddasack im Frankfurter Bahnhofsviertel

Das Bahnhofsviertel kann man auf mannigfaltige Weise erzählen. Auch ich mache es mal so und mal so. Je nach Filterblase und aktuellem Zeitgeist. Eine Geschichte geht ungefähr so:

Spätmittelalter: Als reichsunmittelbare Kaiserwahl-Stadt empfing Frankfurt alle paar Jahre Zehntausende von Gästen und lebte mit (und auch von) ihnen und ihrer Vielfalt. Alles, was danach passierte, war irgendwie folgerichtig: Messe- und Handelsstadt, (relative) Religionsfreiheit, Banken, Paulskirche 1848/49, EZB, im Herzen von Europa. Frankfurt war immer eine großartige Lebensschule für Bürger:innen, um „Citizen Skills“ zu entwickeln und zu trainieren. Wenn es so etwas wie eine DNA von Städten gibt, dann wurde Frankfurt gerade durch diese DNA zur weltoffensten Stadt Deutschlands. Und im Bahnhofsviertel war und ist diese DNA heute noch am stärksten spürbar.

Ab 1946: Frankfurt wird nicht Bundeshauptstadt, hat aber den größten Flughafen und Banken. Wie in der ganzen Bundesrepublik entwickelt sich wirtschaftliche Dynamik. Rund um den heutigen Niddasack entsteht für einige Jahrzehnte der weltgrößte Handelsplatz für Rauchwaren. Auch wenn der Pelzhandel schon im Spätmittelalter durchaus bedeutend für Frankfurt war, führte erst die weitgehende Umsiedlung des Leipziger Pelz-Clusters („Brühl“) raus aus der Sowjetischen Besatzungszone zu einer ungewöhnlich schnellen Konzentration von Rauchwarenfirmen in sehr wenigen Straßenzügen. Die enge Verbindung mit dem noch viel älteren griechischen Pelzhandwerk (insbesondere aus der Präfektur Kastoria) führte darüber hinaus bis 1985 zu mindestens 400 Betrieben mit griechischen Wurzeln rund um den Niddasack.

In diesem „Magischen Viereck“ (Rudolf Sonntag) entwickelte sich ein fast dörflicher Zusammenhalt, von dem mein Vater mir in den 1970/80er Jahren vorschwärmte: „Hort des Unternehmertums, zuverlässige Geschäftspartner und ehrbare Kaufleute“. Es gab Kegel- und Fußballclubs. Mein Vater traf sich dort wöchentlich zu einer Skat-Runde. Der Niddasack war nie hell und glamourös. Es ging um Handwerk, Handel und Pragmatismus. Private Kund:innen waren eher selten. Auf eine hübsche Straßengestaltung wurde verzichtet. Die angenehmen Erinnerungen meiner Kindheit sind bei mir unter „hart, aber herzlich“ abgespeichert.

Die Nähe dieses Pelz-Viertels zum Hauptbahnhof war kein Zufall. Pelz-Viertel lagen traditionell in der Nähe von Verkehrsknotenpunkten. Genauso wie es dort immer Sex-Arbeit sowie Anlaufstellen und Unterkünfte für (legale und illegale) Neuankömmlinge aus der ganzen Welt gab und nicht zuletzt einfach nur (auch dunkle) Räume für all jene, die aus welchen Gründen auch immer am Rande der Gesellschaft leben (wollten oder mussten). Die Haltung des „leben und leben lassen“ einte alle. Man musste sich nicht lieben, aber man unterstützte sich. Auch die Herausforderungen von Drogen-Handel und Drogen-Konsum waren in den 1970/80ern schon allgegenwärtig. Man fand es nicht schön, aber alle, die hier länger waren, hatten und haben bis heute ein Minimum an „Street Smartness“, um zu wissen, dass weder Drogen-Dealer noch Drogen-Konsument:innen eine wirkliche Gefahr für andere darstellen. Angst hatte man eher vor dem stetig drohenden Abriss der Gebäude und den „Spekulanten“, wie sie auch mein Vater nannte, der als Banker selbst davon profitierte. Auch damals schon wetteten alle auf eine zukünftige Aufwertung und Kommerzialisierung der zentralen Lage. Und die Ureinwohner:innen des „Magischen Vierecks“ lernten früh, immer nur auf Sicht zu fahren. Auch wenn es Menschen von außen damals und heute nicht wahrhaben wollten und wollen: Das Bahnhofsviertel ist ganz besonders hier ein Ort der Kontinuitäten und Pfadabhängigkeiten – und letztlich eine Schule des Lebens.

Mir ist erst als Erwachsener klar geworden, dass meine frühen Erfahrungen im „Magischen Viereck“ des Bahnhofsviertels meine Identität und meinen späteren Lebensweg mitgeprägt haben: Weltweit eine Brücke zu sein in all der Diversität verschiedenster Menschen und Ideen. Als ich dann vor 21 Jahren zurück nach Frankfurt kam, war mir klar, dass ich nur aus diesem „Magischen Viereck“ heraus leben und arbeiten wollen würde.

PAS DE DEUX – Der Frankfurter Hauptbahnhof und sein Viertel

Oskar Mahler, 2013

Den Frankfurter Hauptbahnhof und das sich vor ihm erstreckende Bahnhofsviertel, das durch ihn entstanden ist, betrachte ich in meiner Beschreibung als ein Zusammenspiel und komme zu der Aussage, dass das Ensemble, von Beginn an, vor allem vier Funktionen hatte, die es bis zum heutigen Tage erfüllt. Diese vier Funktionen werden im folgenden Text weiter erläutert als Ort des Fortschritts, Entree zur Stadt, ausschlaggebender Faktor, der Frankfurt zur Metropole macht, und Raum für unsere Gäste.

Ich betrachte den Hauptbahnhof und das nach ihm benannte Quartier als eine Einheit, obwohl sie verwaltungstechnisch unterschieden werden, denn so befremdlich es auch klingen mag: der Frankfurter Hauptbahnhof ist geographisch nicht Teil des Bahnhofsviertels, er hat es zwar hervorgerufen, gehört aber zum Gallus, dem ehemaligen Galgenfeld.

Im Alltag spielt das jedoch keine Rolle, zeigt doch der Bahnhof sein Gesicht, das große Eingangsportal, dem Bahnhofsviertel und weder die Besucher, die aus dem Bahnhof in die Stadt strömen, noch die Bewohner nehmen diese Grenze wahr. Doch nun zur ersten Funktion:

Ort des Fortschritts

Frankfurt war schon knapp vier Jahre nach der Eröffnung der ersten Bahn­strecke in Deutschland[1] per Zug erreichbar. Die Frankfurter waren also richtig schnell, was die neue Technik betrifft.

Die Weltstadt Paris hatte, als im Jahre 1839 der Taunusbahnhof eröffnet wurde, nur einen provisorischen, zusammengezimmerten Bahnhof aus Holz, den sie noch nicht als Bahnhof bezeichneten sondern als Embarcadère[2] de Paris. Er stand auf dem Place de l’Europe und war der Vorläufer des heutigen Gare Saint-Lazare. Ich erwähne das, weil es bemerkenswert ist, dass die kleine Bürgerstadt Frankfurt in der Einführung dieser Technik flinker war, als das große Vorbild Paris, das damals mehr als anderthalb Millionen Einwohner hatte und Frankfurt noch nicht mal siebzigtausend.

Ich komme darauf zurück, warum ich Paris als großes Vorbild bezeichne, möchte aber vorher aufzeichnen, in welchem Kontext unser beeindruckender Hauptbahnhof errichtet wurde.

Es war einmal eine kleine Stadt und 600 Meter davon entfernt stand der größte Bahnhof Europas. Dazwischen lag ein großes Nichts. Zugegeben, das Wort „Nichts“ ist eine Untertreibung, da standen ein paar Häuser, aber man darf das Gelände städtebaulich gesehen, als so gut wie unbebaut betrachten. Und nichts eignet sich besser, um etwas Großartiges entstehen zu lassen, als ein großes „Nichts“ denn es taugt als Projektionsfläche und Raum, um Wünsche und Vorstellungen Gestalt gewinnen zu lassen.

Durch dieses freie Stück Land war es möglich geworden, in der Stadtent­wicklung neue Wege zu beschreiten.

Ein Sinnbild für jenes entstehende Neue wurde dem Hauptbahnhofportal, 9 Monate nach der Eröffnung, als krönender Abschluss aufgesetzt: Die Atlas Statue des teils in Frankfurt, teils in München lebenden schweizerischen Bildhauers, Gustav Herold, der hier in Frankfurt an der Städelschule studiert hatte, verkörpert den Geist, in dem sowohl der Bahnhof, als auch das Bahnhofsviertel gebaut worden sind, den Glauben an den „Fortschritt“, in diesem Falle an die Erzeugnisse der Kessel und Generatoren. Der Titan stemmt die Last des Globus nicht mehr alleine, er hat Unterstützung bekommen, von den beiden Jünglingen Dampf und Elektrizität.

In den Bahnhof fuhren die Dampfloks ein und bereits am Eröffnungstag wurde er mit Licht versorgt, erzeugt von der zweiten elektrischen Beleuchtungsanlage der Stadt[3], dies wurde beachtet und bestaunt. Es ist wahrscheinlich, dass der Künstler dieses Bild der neuen Techniken nur auf den neuen Centralbahnhof bezogen hat, ich hingegen sehe die von ihm geschaffene Allegorie programmatisch, sowohl für das Bauwerk als auch für die Freifläche zwischen ihm und der Stadt und darüber hinaus für das Gesamtgefüge von Frankfurt.

In diesem Sinne betrachtet, ist es folgerichtig, dass hier, noch bevor das Viertel entstand, als Auswirkung des neuen Verkehrsknotenpunktes, 1891 die Internationale Elektrotechnische Ausstellung, die IEA stattfand.

Die Beleuchtungsanlage, die bei der Bahnhofseröffnung Aufsehen erregt hatte, funktionierte mit Gleichstrom, einem Verfahren bei dem bei weiten Übertragungsstrecken der überwiegende Teil der Leistung verloren geht[4]. Wollte man beispielsweise einen Saal beleuchten, dann durfte der Generator höchstens einige hundert Meter entfernt stehen, andernfalls fielen die Übertragungsverluste derart immens aus, dass nicht mehr genügend Energie am Verbraucher eintraf. Die Technik, Strom über weite Entfernungen zu transportieren war 1988 aber noch nicht erfunden worden, sie wurde erst unmittelbar vor der IEA entwickelt. Die erstmals gelungene Fernübertragung von 20.000-V-Drehstrom über eine Strecke von 175 Kilometern von Lauffen am Neckar nach Frankfurt am Main war ein Durchbruch für die Energieversorgung, in der von Oskar von Miller[5] ausgerichteten Ausstellung. Eintausend Glühbirnen leuchteten am Eingangstor und ein elektrisch betriebener, künstlicher Wasserfall faszinierte die Besucher und der, für die damaligen Verhältnisse, geringe Leistungsverlust von nur 25% zwischen Lauffen und Frankfurt war in der Tat ein Fortschritt.[6]

Als Auswirkung dieses Experiments erhielt Frankfurt damals den Spitznamen „Elektropolis“ und von der IEA aus startete die Drehstromtechnik ihren Siegeszug durch die ganze Welt.

Die fortschrittliche Verkehrsplanung mit ihrer Auswirkung auf die Stadtentwicklung war der entscheidende Schritt, Frankfurt als einen zentralen Punkt Europas zu etablieren. Dennoch kann die Stadt bis heute, was ihre Einwohnerzahl betrifft (zum Glück), mit zahlreichen Metropolen des Kontinents nicht mithalten, Frankfurt am Main rangiert, in diesem Aspekt, an Stelle 53 der europäischen Großstädte.

Allerdings verschafften die zentrale Lage und der Ausbau der Infrastruktur, dem sonst eher beschaulichen Städtchen ein “Image”, ein Bild, ein Auftauchen in den Köpfen der Betrachter, als denkbaren Mittelpunkt Europas.

Auf der Liste der Weltstädte nimmt Frankfurt Platz 14 ein, das ist beachtlicher Weise ein Platz vor Rom und man kann unterstellen, dass die Entscheidung, Frankfurt mit diesem modernen Kopfbahnhof auszustatten, für diesen Rang verantwortlich ist. Sicher haben vorher der Ausbau des Osthafens und später der internationale Flughafen ihren Teil dazu beigetragen, aber Ausgangspunkt der internationalen Stellung für Frankfurt war ganz sicher der Centralbahnhof.

Fortschritt war in dem Kontext von Hauptbahnhof und dem neu zu bauenden Stadtteil von Anfang an das Thema und im Lauf der Zeit kann man die jeweilige Strömung der gesellschaftlichen Entwicklung im Hauptbahnhof als Herz des Gefüges, welches das Leben in die Stadt pumpt und dem vor ihm liegenden Viertel erkennen.

Ich sehe den Fortschritt nicht nur im Bereich von Technik, Stadtentwicklung und Architektur, sondern auch gesellschaftlich, denn unsere besondere Situation führt zu besonderen Ergebnissen.

Das Viertel ist einer der Punkte auf der Welt, an dem es keine Minderheitenprobleme gibt, weil die Bevölkerung ausschließlich aus Minderheiten besteht, selbst die Deutschen sind hier eine[7].

Das Bahnhofsviertel ist im wahrsten Sinn des Wortes Avantgarde, so wie es hier ist, wird es woanders erst werden, wenn das hohe Tempo der zunehmenden Mobilität und die Migrationsbewegung die Bevölkerungsgruppen global so stark durcheinandergemischt hat, wie es bei uns bereits der Fall ist. Schneller, als wir heute denken, werden die alten Kulturen verschwunden und eine neue entstanden sein.

Ich habe in der Tat die Vermutung, dass auf dem kleinen Terrain des Viertels bereits das Entstehen einer neuen Kultur im Ansatz zu beobachten ist, beweisen kann ich es noch nicht, da ist fortführende Beobachtung angesagt und das (Er)finden neuer Begriffe und Kategorien, aber das Quartier wird, was diesen Prozess betrifft, bereits genau beobachtet.

Es fällt auf, wie viele Delegationen von Sachverständigen hier anreisen und wie viele Feldstudien von Studenten und Wissenschaftlern in den letzten Jahren im Viertel durchgeführt wurden, es hat sich offensichtlich herumgesprochen, dass gesellschaftliche Entwicklungen hier, wie unter einem Brennglas, deutlicher und früher zu beobachten sind, als andernorts. Ich kenne keinen zweiten Platz auf den die Behauptung unserer ehemaligen Oberbürgermeisterin, Petra Roth: »Der Schauplatz des Globalen, ist das lokale Feld.«[8] besser passt, als auf das Frankfurter Bahnhofsviertel.

Die Möglichkeit, etwas Neues zu gestalten steckt in den Grundgedanken und den Mauern des Quartiers: Bei er Planung des Viertels orientierte man sich Baron Georges-Eugène Haussmann und seiner Umgestaltung des großen Vorbilds Paris, darüber hinaus wurden als Architekten ausschließlich Schüler von Gottfried Semper herangezogen, beide wussten, wie man Städte neu erfindet und großstädtisch baut.

Entrée zur Stadt

Unmittelbar nach der IEA erfolgte die dauerhafte Bebauung des Bahnhofs­viertels. Ausgehend vom halbrunden Bahnhofsvorplatz, ließ man die Haupt­straßen abstrahlen, die wiederum im Winkel von knapp 90 Grad geschnitten wurden, so dass fast ein Schachbrettmuster entstand. Das einheitliche Er­scheinungsbild des neuen Quartiers als repräsentatives Entrée der Stadt er­reichte man durch eine neue Bauverordnung…«[9]

Zum ersten Mal war eine Bauhöhe von 5 Stockwerken vorgeschrieben, bis dato waren nur vier Geschosse genehmigungsfähig, außerdem erlaubte sie die Bebauung von 75 Prozent der Grundstücksfläche, außerhalb des Viertels waren nur 50 Prozent möglich.

Der damalige Oberbürgermeister, Johannes von Miquel erhoffte sich von der Erhöhung der Geschossflächenzahl von vormals 2 (4 Geschosse x 50%) auf 3,75 (5 Geschosse x 75%) günstige Mieten, das war von Anfang an ein Irrtum, die Mieten im Bahnhofsviertel waren stets teuer.

Der ausschlaggebender Faktor, der Frankfurt zur Metropole macht

Wenn ich mir vorstelle, dass man das Bahnhofsviertel aus der Stadt herausnähme, dann sehe ich, wie die restliche Stadt in beschauliche Dörfer, zwischen denen Hochhäuser stehen, zerfällt. Auf der einen Seite die Apfelwein Hochburg Sachenhausen und auf der anderen Seite der ehemalige Nachbar-Ort Bockenheim und das ursprüngliche Bornheim und so weiter, das Zünglein an der Waage, welches das Bild einer Metropole hervorrief, ist das Bahnhofsviertel.

Konzipiert wurde Stadtteil als Flanierviertel, mit teuren Geschäften für Aus­steuer, Mobiliar, Luxusgüter und Bekleidung. Die Menschen, die von den Zügen in die Stadt gebracht wurden und die Hotelgäste, waren die Kunden, die an den teuren Geschäften vorüber in die Stadt flanierten. Wohnraum war geschaffen für 11.000 Einwohner und reichlich Unterkommen für Kontore und Praxen, diese Struktur ist im Zusammenhang zu sehen mit der vierten Funktion des Stadtteils:

Das Bahnhofsviertel ist ein Ort der Gastlichkeit.

Rund um den Hauptbahnhof wurden Hotels gebaut in einer Dichte, die sonst global nicht anzutreffen ist.

Fast alle der vormals großen Luxus Hotels sind verschwunden: der Fürstenhof oder das Kyffhäuser, das Carlton und das Bristol, der Englische und auch der Russische Hof, manche wurden im Krieg zerstört, manche gingen bankrott, weil sich die Hotellerie in dieser pompösen Form heute nicht mehr rentiert. Allerdings geht aus einer Studie, die der Gastronomie Geograph Thomas Höfels und ich im Jahre 2007 erstellt haben, hervor, dass das Bahnhofsviertel der Fleck ist, mit der höchsten Hoteldichte der Welt. Noch heute haben wir mehr als 8.500 Hotelgäste pro ausgebuchter Nacht. Diese Zahl ist angesichts der kleinen Fläche unerwartet hoch, auf nur 0,5% des Stadtgebietes übernachten 20% aller Hotelgäste unserer Stadt.

Von Beginn an war das „Publikum“, das im Viertel verkehrte, zusammengewürfelt aus vielen Nationalitäten, stammten zwar zu Beginn nicht die Bewohner aus vielen verschiedenen Ländern, so sorgten doch bereits damals die Gäste für Internationalität.

Es passt in dieses Bild, dass es Albert Schumann hierher zurückzog, nachdem er bereits mit seinem Zirkus 1893/94 im noch weitgehend unbebauten Viertel gastiert hatte, um in einer erstaunlich kurzen Zeit von nur 15 Monaten am 5. Dezember 1905 in einer der letzten Baulücken des Viertels, dem Hauptbahnhof gegenüber, sein Theater zu eröffnen, einen Jugendstilbau in dem abwechselnd Varieté, Operetten Aufführungen und Zirkusvorstellungen gegeben wurden. Der Bau kostete eine enorme Summe Geldes, bot dann aber auch Platz für viertausendfünfhundert Zuschauer. Claire Waldoff trat dort auf, die Rivel Brüder, der Clown Grock und Josefine Baker im Bananenröckchen.

Die vorangegangenen Ausführungen entwerfen ein großes Bild, eines kleinen aber prominenten Stadtteils, so wie es der Journalist Karl Zimmermann, der ein liebevolles Buch über den Frankfurter Hauptbahnhof geschrieben hat, voller Details und Geschichten, vielleicht schlagartig wahrgenommen hat, als er bei seinen Recherchen zum ersten Mal von der Atlas Statue aus auf die Kaiserstraße hinuntersah:

»Ich tastete mich am Sockel des Denkmals entlang und hielt genau in der Mitte des Sockels inne, den Rücken am Sandstein, den Blick der Stadt zugewendet. […] Ich war wie elektrisiert. Ich begriff: Ich stehe der Stadt gegenüber! Zum ersten Mal erlebe ich dies: eine große Stadt und ein Mensch, eine große Stadt und ein Denkmal, Frankfurt und sein Atlas.

Ich starrte hinab auf die Kaiserstraße, auf ihren Eingang. Und diesen Eingang begriff ich zum ersten Mal als das, was die Architekten seinerzeit hatten schaffen wollen: als das Tor der Stadt, des neuen Stadtteils, der dem Bahnhof gegenüber errichtet wurde. Haargenau hatte ich die Achse der Kaiserstraße vor mir […], die nicht im rechten Winkel, sondern wohlberechnet mit 70° auf den Bahnhof zustößt…«[10]

—

Ich habe im Laufe der Jahre, die ich im Bahnhofsviertel als Präsident des Gewerbevereins arbeitete[11], und auch danach immer wieder Blicke hinter die Kulissen geworfen und erforscht, was das Konzept, ob ausgesprochen oder nicht, für den Pas de Deux von Hauptbahnhof und Bahnhofsviertel gewesen sein mag. Ich sehe, was ich beschrieben habe, wenn ich täglich durchs Viertel gehe, Gespräche führe mit Geschäftsinhabern, Hausbesitzern, Bewohnern, Kulturschaffenden, Drogenabhängigen und Menschen, die auf der Straße leben und Gästen, die oft viel erinnern, und ich erfahre, dass so Vieles verschwunden ist. Nicht nur die Fassade des Schumanntheaters ist durch einen nichtssagenden Bürobau ersetzt worden, die Bombennacht vom 22. auf den 23. März 1944 hat mehr als ein Drittel der Häuser vernichtet.

Was ich heute als genauso schlimm empfinde, ist die blinde Bauwut der Nachkriegszeit, die gedanken- und respektlos ein weiteres Drittel der Substanz dieses Stadtteils niedergemacht hat. Diese Geringschätzung der Architektur des Historismus, derentwegen vor allem in den 1960er und 1970er Jahren vor dem Inkrafttreten der ersten Denkmalschutzgesetze zahllose, aus heutiger Sicht bedeutende Gebäude nüchternen Zweckbauten Platz machen mussten.

Es gab ein weiteres Ereignis, welches das Viertel verändert hat, die S-Bahn, die plötzlich verursachte, dass die Pendler nicht mehr durch das Viertel flanierten sondern unter dem Viertel durchfuhren, direkt zur Zeil oder zur Konstablerwache. Die teuren Geschäfte hatten plötzlich weniger Kunden und nur die stabilsten überlebten. Als Folge davon verließen immer mehr Bewohner den Stadtteil bis er schließlich unterbevölkert war. Aus den leeren Wohnungen wurden immer mehr Büroräume, die historischen Fassaden verschwanden hinter Leuchtreklamen gigantischen Ausmaßes, bis endlich die Denkmalschutzgesetze in Kraft traten und nur noch im Erdgeschoss Werbung zugelassen war und auf wenigen Dächern.

Andere Dinge, die so zuerst nicht angedacht oder geplant waren, kamen auf das Viertel zu, nämlich:

– die Prostitution, die im Bahnhofsviertel nach dem Krieg aufkam und nicht wieder verschwunden, dafür aber mittlerweile stark reglementiert und ein­geschränkt ist. Wobei die jungen Frauen und Männer, als Prostituierte frei­beruflich tätig sind. Bordellbesitzer sind heute nicht mehr Zuhälter sondern Vermieter der Etablissements, das ist ein entscheidender, gravierender Unterschied.

– Und die Suchtkranken, die aufgrund des „Frankfurter Wegs“ im Viertel und vor und in den Druckräumen anzutreffen sind, auch sie gehören hier her.

Bei aller Problematik betrachte ich jedoch die Sichtbarkeit des gesellschaftlichen Umgangs mit Sexualität und Sucht als einen Teil dessen, was eine Metropole ausmacht. Man kann das Eine nicht ohne das Andere haben, solange einem nicht nur die eigene sondern auch die Freiheit der anderen teuer und wichtig ist und das ist in der Stadt, in der die Paulskirche steht, der Fall. Obendrein ist die Problematik in anderen Metropolen ähnlich, sie ist nicht wirklich Frankfurt-spezifisch.

Mir ging es in meiner Beschreibung darum, an den grandiosen Entwurf unseres Stadtteils zu erinnern und den Zusammenhang zwischen Verkehrsplanung und Stadtentwicklung zu beleuchten und aufzuzeigen, was das Bahnhofsviertel meiner Meinung nach im Wesen ist: Ein Ort des Fortschritts, das Entrée zur Stadt, der ausschlaggebender Faktor, der Frankfurt zur Metropole macht und Raum für unsere Gäste.

Dieser Aufsatz erschien im Jahre 2013, in dem Buch des VBN Verlags: „125 Jahre Hauptbahnhof Frankfurt am Main“ Autoren: Bernhard Hager, Hans G Hallfahrt, Oskar Mahler und Prof. Knut Ringat, es ist mittlerweile vergriffen.


[1] 1 am 7. Dezember 1835 fuhr der erste Zug in Deutschland von Nürnberg nach Fürth
[2] Pier, Anlegestelle.
[3] Das Gesellschaftshaus im Palmengarten verfügte über die erste elektrische Beleuchtungsanlage der Stadt.
[4] 1881, also 10 Jahre vorher, fand in Paris die erste Internationale Elektrizitätsausstellung statt, Wechselstromtechnik war noch nicht erfunden.
[5] Später der Gründer des Deutschen Museums in München
[6] Wikipedia: Die Drehstromübertragung Lauffen-Frankfurt war die erste Übertragung elektrischer Energie mit hochgespanntem Drehstrom. Sie fand am Dienstag, dem 25. August 1891 um 12 Uhr mittags anlässlich der Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt am Main statt und wurde dort als Kraftübertragung Lauffen–Frankfurt präsentiert. Der erste Probelauf war bereits am Tag zuvor geglückt. Wesentliche Neuerung der Übertragungsstrecke war, dass der mit dem Generator erzeugte Dreiphasenwechselstrom mit einer sehr niedrigen Sternspannung von 55 V mittels eines Dreiphasenwechselstrom-Transformators, der sich neben dem Generator befand, auf 15 kV, später versuchsweise bis 25 kV, hochtransformiert und über eine 176 km lange Freileitung nach Frankfurt am Main weitergeleitet wurde. In Frankfurt wurde die Spannung mit einem weiteren Dreiphasentransformator auf 100 V umgesetzt und diente damit auf der damaligen Elektrotechnischen Ausstellung dazu, mehr als 1000 Glühlampen zu versorgen. Darüber hinaus wurde damit ein 74 kW (100 PS) starker Drehstrom-Synchronmotor, welcher für 65 V ausgelegt war, angetrieben. Dieser trieb wiederum eine Pumpe für einen künstlichen Wasserfall auf dem Ausstellungsgelände an. Die gesamte Anlage war von der AEG und der Maschinenfabrik Oerlikon unter Leitung von Michail Ossipowitsch Doliwo-Dobrowolski konstruiert und gebaut worden. Die Transformatoranlage, der Generator und die Öl-Isolatoren wurden von Charles Brown jun. entwickelt. Die Fertigung der Isolatoren übernahm die Margarethenhütte in Großdubrau.
[7] Nur 48% der Einwohner haben einen deutschen Pass, der Anteil der Einwohner mit Migrationshintergrund liegt bei 65,8%
[8] Petra Roth: „Die Neuerfindung der Städte, S. 24
[9] Silke Wustmann „Im Bahnhofsviertel“ B3 Verlag 2011, Seite 7
[10] Karl Zimmermann „Bahnhof geliebt und erforscht“ 1954, Seite 28
[11] 2007 bis 2016