Melden Sie sich bei unseren Newsletter an, und verpassen nichts mehr.

Offener Brief an Alle im Bahnhofsviertel

Liebe neue und alte BesucherInnen und BewohnerInnen in unserem Bahnhofsviertel,

ich vermute, dass Ihr – genauso wie ich – die Berichterstattung in der Frankfurter Lokalpresse verfolgt: Ein tosender Orkan! Es heißt, Drogen-Banden würden rund um die Uhr PassantInnen belästigen, betrunkene Jugend-Gruppen AnwohnerInnen nachts den Schlaf rauben, alles würde immer schmutziger, die Polizei hätte nichts im Griff, Bürgerrechte müssten eingeschränkt werden, um einer aus dem Ruder gelaufenen Situation wieder Herr zu werden. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber mir schicken Bekannte aus Deutschland und darüber hinaus besorgte Mails und fragen, ob es mir noch gut gehe. „Bei Euch herrscht ja so etwas wie Bürgerkrieg, liest man.“

Dann mache ich den Computer aus, verlasse das Büro und gehe nach Hause. Durch Nidda-, Mosel-, Taunus-, Karl- und Düsseldorfer Straße. Wie praktisch jeden Tag seit 15 Jahren wieder. Zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten. Vor einigen Monaten habe ich beschlossen, bewusst Umwege durch alle Ecken des Viertels zu laufen und aktiv nach Belegen zu suchen für das, was ich in den diversen Medien lese.

Doch da ist… nichts! Nichts, was anders wäre als vor 5, 10 oder 15 Jahren und schon gar nicht als das, was ich aus meiner Kindheit und Jugend in den 1970/80er Jahren hier kenne. Im Gegenteil: Alle AkteurInnen, die schon lange hier im Viertel sind, bestätigen, dass die „Zustände“ sogar in vielerlei Hinsicht besser geworden seien.

Zur Erinnerung: Die Stadt Frankfurt hat in den letzten 15 Jahren alle Register gezogen, um das Bahnhofsviertel „aufzuwerten“. Käufer von Luxuswohnungen wurden subventioniert, Ateliers für KünstlerInnen wurden zur Verfügung gestellt, die Ansiedlung von Szene-Gastronomie wurde finanziell und ideell gefördert. In der Folge wuchsen wie gewünscht die Wohnbevölkerung und deren durchschnittliches Einkommen genauso wie die Anzahl der TagespendlerInnen und der Szene-Kundschaft am Abend. Gleichzeitig gibt es heute nach wie vor (und wie an praktisch allen Hauptbahnhöfen in großen Städten) Angebote von Sexarbeitenden, Einrichtungen für Drogenkranke, eine gewisse Anzahl von Wohnungslosen und von Menschen, die durch das soziale Netz gerutscht sind und die sich – wie schon immer in der Menschheitsgeschichte – an zentralen Verkehrsknotenpunkten sammeln. Wo dann alles, was menschlich ist, (natürlich) direkter, härter, unmittelbarer ist.

Doch woher – frage ich auch Euch – kommt dann diese plötzliche Hysterie? Und vor allem: Wem nützt sie eigentlich?

Es ist natürlich keine neue Erkenntnis, dass es potente Lobby-Gruppen gibt, die die bekannten Mechanismen rund um Angst und Halbwissen mit gezielter Desinformation befeuern. JournalistInnen primär von außerhalb des Viertels sehen aus nachvollziehbaren Gründen eine Chance, ihre Auflage/Quote/Klick-Zahlen zu stärken, indem sie mit negativen „News“ dramatisieren und das (Nicht-)Thema am Kochen halten (und sich gleichzeitig gerne auf Vernissagen von Galerien, Ateliers und neuen Bars hier einladen lassen). Und wie immer finden sich auch ein paar KronzeugInnen aus dem Viertel, die sich ohne Mandat zu SprecherInnen des Viertels erklären und öffentlichkeitswirksam ureigene (kommerzielle) Interessen als Meinung des Viertels ausgeben. Da ist es verständlich, dass Menschen schon mal verunsichert sind und der allgegenwärtigen Stimmungsmache Glauben schenken. Insoweit wäre das Bahnhofsviertel nicht mehr und nicht weniger ein Spiegel der gesellschaftlichen Reizbarkeit in Deutschland und Europa. Warum sollten „besorgte Bürger“ hier besonnener agieren als anderswo?!

Nun, vielleicht weil die meisten von ihnen entweder gar nicht hier im Viertel leben oder vor kurzem erst (vermutlich freiwillig) hierher gezogen sind. Das macht dann schon einen Unterschied. Da beziehen Luxus-MigrantInnen Eigentumswohnungen hier im Viertel. Vielleicht kommen sie aus Hamburg-Blankenese, aus hübschen Taunus-Dörfern oder aus anderen „besseren Gegenden“. Schicke Agenturen mieten hier kernsanierte Büroflächen an, um vom „Shabby Chic“ des Viertels zu profitieren. Sie alle gemeinsam ermöglichen erst den Design-Hotels und Szene-Gastronomen ihre Existenz. Und klar, all diese ZuzüglerInnen projizieren die Bilder ihrer eigenen, homogenen Herkunfts-Puppenstuben auf das real existierende Bahnhofsviertel und stellen – oh Schreck – eine Differenz fest. Die meisten signalisieren wenig Bereitschaft, die gewachsene lokale Kultur verstehen zu wollen. Kaum Neugier, ungeschriebene Gesetze kennenzulernen. Jedenfalls keine Demut, es für möglich zu erachten, dass da vielleicht etwas ist, was den eigenen Horizont erweitern oder sogar – man glaube es kaum – auch positive Aspekte haben könnte. In anderen Kontexten würde man das wohl mangelnde Integrationsbereitschaft nennen! Aber auch das würde ich wohl noch verstehen. Wenn aber in einer Art Kausal-Umkehr die hier schon seit Jahrzehnten lebenden Bevölkerungsgruppen die Verantwortung für alles hier im Viertel zugewiesen bekommen, dann ist das intellektuell unredlich und schlichtweg schäbig. Und deswegen möchte ich an all die gutwilligen Neuankömmlinge unter Euch appellieren:

Ihr alle, die Ihr freiwillig in unser gastfreundliches Viertel gezogen seid, Ihr alle seid willkommen! Wir sind stolz auf unsere Vielfalt mit über 100 Nationalitäten, zahlreichen Religionen und auch vielen „Randgruppen“, die eine jede Gesellschaft erst vollständig machen. Daher können und wollen wir auch Euch bei uns integrieren. Nur hütet Euch vor Eurem Hochmut, vor Eurem Hochmut zu glauben, Ihr wäret die Besseren und umgekehrt die Drogen-Kranken, Sexarbeitenden, die Prostitution generell, die Wohnungslosen, die alten und neuen Geflüchteten wären die Schlechteren. Ihr könnt es Euch vielleicht nicht vorstellen, aber Ihr selbst seid es, die Ihr das fragile Gleichgewicht hier durcheinander bringt. Unser Bahnhofsviertel glich lange einem Dorf, in dem die gegenseitige Rücksichtnahme und Hilfe (!) insgesamt gut funktionierten.

Die verschiedenen Filter-Blasen in der Gesellschaft mögen vielleicht unterschiedliche Gründe haben, warum sie mit dem Bahnhofsviertel fremdeln, aber sie alle eint der Wunsch nach sozialer Ähnlichkeit und die Ablehnung von Diversität in der eigenen Umgebung: Ethnische und religiöse Vielfalt ist für tendenziell rechte Filter-Blasen plötzlich eine Riesen-Gefahr geworden, gleichzeitig sind tendenziell linke Filter-Blasen z.B. eine unheilige Koalition mit religiösen FundamentalistInnen eingegangen und haben sich gänzlich illiberal auf Sex-Arbeit im Allgemeinen eingeschossen. Die Forderung von Repression und das Gefühl von moralischer Überlegenheit der eigenen Gruppe sind offenbar wieder in Mode gekommen.

Aber zum Glück erlauben pluralistische Gesellschaften unterschiedliche Lebensformen. Vielfalt ist schön und eine Zumutung zugleich. Lasst uns also alle gemeinsam dieses Viertel gestalten und mehr mit- als übereinander reden! Daher schließe ich mit sechs kleinen Appellen an uns alle, die unserem Bahnhofsviertel aus meiner Sicht helfen würden:

  1. Schlichter Realismus: Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist seit Jahrzehnten ein integraler Teil Frankfurts und Deutschlands. Nicht repräsentativ, aber in gewisser Weise ein Spiegel verdrängter Wahrheiten, schlecht ausgeleuchteter blinder Flecken, verlogener Moral- und Reinlichkeitsvorstellungen. Es war eine nützliche Projektionsfläche und wurde ansonsten in Ruhe gelassen. Letzteres ist vorbei, aber alles andere wird und kann sich nicht ändern. Versucht das zu akzeptieren!
  2. Weniger Ideologie: Die Diskussion oszilliert gerade zwischen Extrempositionen vom Typ „Resignative Marktgläubigkeit gegen platte Gentrifizierungs-Kritik“. Wie wäre es mit mehr kommunikativer Abrüstung? Wie viele Menschen gibt es eigentlich, die sowohl sagen können „Die PolizistInnen machen hier insgesamt einen guten Job“ als auch gleichzeitig „Selbstverständlich gibt es hier gelegentlich Fälle von „Racial Profiling“ durch PolizistInnen?!
  3. Ganzheitlichere Stadtteil-Entwicklung: Die Stadt Frankfurt, ihre Dezernate und wir alle sollten endlich anfangen, unsere Aktivitäten im Bahnhofsviertel zu koordinieren. Handwerklich gute Viertel-Entwicklung muss mehr als „Stadtplanung“ sein. (Hat irgendjemand allen Ernstes geglaubt, dass bei mehr und andersartigen Menschen auf dem gleichen Raum keine Reibungen entstehen würden?) Und schließlich: Wer „aufwertet“, sollte eigentlich auch einen Plan für den Fall haben, dass das Pendel zu weit in Richtung „Freilicht-Museum“ ausschlägt.
  4. Mehr Dialog miteinander und respektvolle Anerkennung der jeweiligen Interessen: Dies könnte eine spannende Übung in pluralistischer Demokratie sein, wenn man spürt, dass jeder von uns selbst zu irgendeiner Minderheit gehört und keine alleinige Deutungshoheit gesellschaftlicher Prozesse beanspruchen kann. Wir würden so eine Art „soziales Zukunftslabor“ schaffen. Wenn es hier quasi unter verschärften Bedingungen funktionieren könnte, dann würde es wohl überall klappen… 🙂 Der erste Versuch einer entsprechenden „Initiative Bahnhofsviertel 2025“ ist vor zwei Jahren nach vielversprechendem Beginn eingefroren worden. Vielleicht wird die Zeit dafür ja reifer…
  5. Mehr Geld für das Bahnhofsviertel: Nicht nur, dass öffentliche Gelder in den letzten 15 Jahren hier nicht klug eingesetzt wurden. Wenn die Stadt und die Bürger dieser Stadt wirklich möchten, dass das Bahnhofsviertel ein attraktives Tor zur Stadt ist und zugleich diverse soziale Aufgaben für das gesamte Stadtgebiet erfüllt (nicht nur, aber auch die Betreuung Drogen-Kranker), dann muss sie etwas Geld aus anderen Stadtteilen hierher umleiten. Bisher hatten die Menschen hier keine Lobby. Mit Euch „Neulingen“ jetzt schon!
  6. Erweiterung der eigenen Komfortzone: Macht doch einfach mal selbst ein Experiment. Wenn Ihr hier im Viertel Menschen begegnet, die offenbar ganz anders leben als Ihr selbst, dann schaltet für einen Augenblick Eure bestehenden Bewertungsschemata aus und sucht einen Aspekt, der in dem Leben dieser anderen besser als in Eurem eigenen sein könnte. Ist noch kein richtiger Perspektivenwechsel, aber schon mal ein Einstieg! 🙂

 

Nachbarschaftliche Grüße

Torsten Weber

Frankfurt-Bahnhofsviertel, 31. August 2017


Der Autor ist gebürtiger Frankfurter und wanderte schon als Kind und Jugendlicher in den 1970/80er Jahren durch das Bahnhofsviertel. 2003 entschied er sich gegen das zu brave Berlin und zog bewusst zum Leben und Arbeiten ins Frankfurter Bahnhofsviertel, weil dort alle Facetten des Menschseins gleichzeitig zu Hause waren. (www.bridging-ideas.com)